retourfrei leben

Ein wunderbares Gedicht des Dichters Siegfried Distelrath, das Mut zum Leben, Optimismus und Veränderung macht – gerade vor dem Hintergrund der Behinderung des Verfassers … und irgendwie eine dichterische Version von YOLO (You Only Live Once) ist.

nicht an gewohntem kleben,

sondern leben

neues erleben. alles geben,

retourfrei leben.

wenn es sein muss auch allein

sein

Schritt für Schritt nach vorn

nicht zurückschauen

egal, was andere sagen …

endlich etwas wagen

mich selber fühlen,

auch mal durch den Dreck wüh-

len

lieber frieren, als den Weg ver-

lieren (als mich selbst verlieren)

Sicher und versorgt

das ist alles nur geborgt

Ich will nicht mehr. den Kreis-

verkehr

Stopp, Halt, Vorfahrt nie mehr

Kreisverkehr

Ich gebe der Angst die Hand und

gehe

mit ihr nach vorne in ein unbe-

kanntes Land

Lieber gebe ich der Angst die

Hand

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Alltagsschnipsel

Zusammenhanglose Beschreibungen einiger Begegnungen im fernen Osten.

Neulich hungrig in Asien. „Can I have this?“, sprach’s und zeigte auf das Bild (darauf bin ich angewiesen, denn das Essen kann ich weder aussprechen noch erkennen). Kurze Zeit später stand der duftend dampfende Teller vor mir. Ich machte mich daran, den Muschel-Reis-Mix mit Stäbchen in meinen Mund zu befördern – anscheinend nicht allzu geschickt. Geschwind stand der Kellner neben mir, mit einem Grinsen auf dem Mund und Messer und Löffel in der Hand …

Neulich an der Supermarktkasse. Nachdem ich mich an diversen Fisch und Fleischständen, der Kühltecke, japanischen Reissäcken, die wie Kriegsdämme aufgebaut waren, koreanischen Fertiggerichten und indischen Süßigkeit durch den Supermarkt gekämpft habe – immer das wertvolle Gut Lebensmittel auf den Händen balancierend (das die Einkaufswagen kostenlos und ohne Chip am Eingang stehen, sollte ich erst Tage später erfahren) – gelangte ich schlielich zur Expresskasse für Kunden mit weniger als acht Gegenständen, sprich Kunden wie mir. Die Kassierin fing ruhig an meine Sachen von der Ablage zu scannen. Ich unterbrach sie und fragte, ob ich eine Plastiktüte verwenden dürfe. Etwas verwirrt nickte sie und fuhr mit ihrer Arbeit fort. Da dachte ich, ok und wollte mir eine Tüte greifen, die links von ihr lag. Da wurde sie etwas aufgebracht, hielt mich zurück und teilte mir mit, dass mache sie schon. Achso, na wenn das so ist. Ich wollte ihr wirklich nicht den Job wegnehmen. Den Komfort bezahlt man hier allerdings mit Geschwindigkeit. Von wegen Express, da lacht ein Aldi nur drüber.

Neulich an der Taxihotline. „Hi, can I have a cab, please?“ „You are calling from where, Sir?“ „Opal Damansara Condo, Sunway Damansara.“ „Which unit?“ „I’m in Block A, unit 10/1.“ „hlhkhkljkljklj“ „What?“ „kljljljöjö9jiha“ „Do you want to know, where I am going to? It is One World Hotel.“ „jkljklöjköjaddfaefadsf“ „Sorry?? My telephone number is … 01..“ „Sir, I need your full adress!!“ „I already told you it’s Sunway Damansara … “ tüüütüüüütüüüüt „Hello? Hello?!“ (Entweder mochte mich die Dame nicht oder ich verstehe den Aktzent nicht, oder beides.)

Neulich an Nachbarschreibtisch im Büro, eine Telefonunterhaltung mit Freisprecher. „Hey!“ „Hey, what’s the matter?“ „I’m sooo sorry!“ „What happened?“ „I ate all your cookies …“ „Are you serious?! Was the Big Mac not enough for you?!“ „I know, I’m so sorry, but they were laying there and looking soooo good …“ Dann verfallen alle in Gelächter.

Gefangen in der Zukunft

Jugendarbeitslosigkeit hier, Überfluss an Möglichkeiten dort. Das Leben eines jungen  Menschen heutzutage hat es schon in sich. Und dank verschiedener sozialer Interaktionen in den sozialen Wirren des Internets, Beruf, Uni und Freizeit gilt es nicht nur eine, sondern alle seine Identitäten ständig neu zu formieren und auszurichten. Da kann die Gegenwart schon einmal etwas in Mitleidenschaft gezogen werden.

Anstatt das Hier und Jetzt unbeschwert in vollen Zügen zu genießen, wird gedanklich in der Zukunft gelebt. Der nächste Schritt muss immer geplant werden. Es braucht Vorlaufzeit, um mögliche Alternativen zu sondieren und das Nötige in die Wege zu leiten. Spaß und Ausgelassenheit sind geplante Abschnitte. Dabei laufen wir Gefahr, uns in einem Übergangsleben zu verirren. Ständig das Nächste im Blick, eine Übergangszeit folgt der anderen. Was bleibt ist ein Anfang und ein Ende. Das Eigentliche, die Mitte, wurde übersprungen.

Wir müssen einen Weg finden, die uns gegebenen Chancen als solche zu nehmen und davon zu profitieren, anstatt uns zu Geiseln einer möglichen Zukunft zu machen. Das Leben spielt sich heute ab. Und das ist gut so. Dass einen schwelgerische Tagträume ab und an in die Weiten des Lebens tragen, gehört als nette Praline natürlich genauso in die Schachtel.