Top-Review Culture – Das Amazon-Prinzip

Über den Dächern Istanbuls hatte ich kürzlich eine anregende Diskussion in einer multikulturellen Gruppe bei angenehm duftendem türkischen Tee. Daraus ist dieser Beitrag entstanden.

Die Diskussion ist alt. ob die Globalisierung, das zunehmende Reisen und Handeln, Auslandseinsätze und nicht zuletzt die Vernetzung über das Internet zu MEHR oder zu WENIGER Kultur führen. Für ersteres spricht, dass verschiedene Kulturen offen gelebt und somit sichtbar werden. Für letzteres, dass wir uns durch den gemeinsamen Austausch immer mehr angleichen. Einer der Gesprächspartner hat jedoch einen interessanten Punkt gebracht. Ich nenne es das „Amazon-Prinzip„. Kurz gesagt, bedeutet das Amazon-Prinzip, dass durch Reviews und Ratings alles vereinheitlicht wird und wir schlussendlich nur noch in einer Top-Review Culture leben werden.

Dafür hole ich etwas aus. Bei Medien wie Büchern oder Musik ist völlig normal, sich an Bestenlisten und Top-Charts zu orientieren. So ist es bei Amazon üblich, das meistverkaufte Buch eines bestimmten Genres angezeigt zu bekommen. Darauf aufbauend entspinnen sich Empfehlungen, die von Lesern geschrieben sind und das Buch oder ähnliche bewerten. Jetzt die Frage: Bevor Du ein Buch kaufst, schaust Du in die Bewertungen? Wenn ja, würdest Du es kaufen, wenn es schlecht bewertet ist? Die Frage dürfte in den meisten Fällen mit einem Nein beantwortet werden. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass nur noch Bücher verkauft werden, die eine hohe Zahl an positiven Bewertungen, sprich Reviews, haben. Abgesehen von Nischen-Büchern für spezielle Bedürfnisse kommt es also zu einem Mainstream oder auch Gleichmachung der verbreiteten Bücher. Ein Großteil der Menschen liest die gleichen Bücher. Ein ökonomisch denkender Autor wird sich folglich an diesem Stil Büchern orientieren und der Kreislauf ist vollkommen.

Das ganze ist noch ohne Wertung (um gleich den Aufschrei zu ersticken: Wenn’s viele gut finden, wird’s wohl auch so sein – ist doch nichts schlechtes dran!). Die Theorie ist jetzt, dass sich dieses Amazon-Prinzip auf ganz viele verschiedene Bereiche überträgt. Nicht nur Musik und Filme, sondern auch die Wahl der Universität, des Autos, der Stadt, des Berufs, der Religion … Alles basiert auf Top-Reviews. Ohne gute Bewertungen in ausreichender Zahl existiert nichts. Anstatt nutzerbasierter Diversität erhalten wir also einen homogenen Mainstream in allen Lebensbereichen. Das klingt – trotz seiner überspitzten Form – erschreckend.

Wenn alle Bewertungen jedoch die mehrheitliche Meinung widerspiegeln, könnten man sogar von einem ur-demokratischen System sprechen. Was viele aber nicht wissen: Die Ratings sind nicht alle echt. Freiberufler und professionelle PR-Agenturen werden damit beauftragt, Erfahrungsberichte zu Büchern, Hotels etc. zu verfassen und so systematisch die Bewertung zu verfälschen – in beide Richtungen. So wird unter dem Mantel des demokratischen Prinzips gezielt getäuscht und eine Homogenisierung der Kultur herbeigeführt. Das ist der Punkt, wo es gefährlich wird. Wenn die Menschen sich nicht bewusst sind, dass sie bestimmte Dinge konsumieren, evtl. sogar Lebensentscheidungen auf Basis von Schein-Empfehlungen und -Mehrheiten treffen, bietet es die Möglichkeit, Macht in die falsche Hände kommen zu lassen. So wird aus dem so harmlos klingenden Amazon-Prinzip eine Propaganda-ähnliche Maschinerie.

Kultur zum Frühstück

Ein hungriger Morgen liegt in der Luft. Die vorbeiströmenden Menschen hinterlassen einen Geruch des Kaffees und duftenden Croissants. Die Zunge schnalzt, der Speichel fließt. So zieht es uns rechts ins Café hinein. Die Decken behangen mit Schinkenbeinen, auf dem metallenen Tresen belegte Brötchen liegend. Wir, eine Deutsche, eine Griechin, ein Russe und ein Belgier, reihen uns am Tresen auf. Der spanische Kellner schaut uns wortlos in Erwartung unserer Bestellung an. Wenige Minuten später stellt der weiterhin wortkarge Kellner unsere Schinkenbrötchen und Marmeladentoasts etwas unsanft vor uns hin. Der Kaffee wird scheinbar missmutig eingeschenkt. Nachdem jeder von uns seinen ersten Bissen getan und das beißende Gefühl des Hungers gedämpft hat, entbrennt ein erbarmungsloser Streit: auf der einen Seite die Mädchen, auf der andere die Jungen. Was ist passiert?

Ich würde es „kulturelle Erwartung“ nennen. Jeder Mensch hat eine Grundhaltung, eine tief in sich steckende Einstellung nach der er Maß nimmt, Verhalten einschätzt und bewertet – und eben auch seine Erwartungen nach ausrichtet. Diese Grundhaltung kann niemand ablegen, man muss sich ihrer nur bewusst sein. Nun sind die Mädels mit einer anderen Erwartung in die Situation gegangen, als die Jungen. Sie sind davon ausgegangen, da wir uns nach wie vor in Europa gerade einmal zwei Flugstunden von der deutschen Heimat entfernt befinden, seien die sozialen Regeln vergleichbar, das Verhalten vorauszusehen und nach deutschen Maßstäben zu bewerten. Die Jungen hingegen sind von vornherein von einem anderen Verhalten ausgegangen. Auslöser des Streits war das „unfreundliche“ Verhalten des Kellners, so die deutsche Perspektive. Dass das Verhalten eventuell landesüblich und überhaupt nicht unfreundlich gemeint war, wurde als Annahme nicht ohne Weiteres akzeptiert. Ich behaupte, der Kellner hat zwar für einen Deutschen ein merkwürdiges Verhalten an den Tag gelegt, nicht jedoch für einen Spanier. Es ist ein Paradebeispiel für Missverständnisse aufgrund anderer kultureller Hintergründe. Von diesem Standpunkt waren und sind jedoch nicht alle Beteiligten überzeugt.

Die Frage nun also an Euch: Kann man – zumindest innerhalb Europas, dass ja schließlich immer weiter zusammenwachsen soll – davon ausgehen, dass Kultur und Verhalten einander so ähnlich sind, dass Missverständnisse weitestgehend ausgeschlossen werden können?

Reise, Reise

„Das Leben ist wie ein Buch und wer nie reist, kommt nie über die erste Seite hinaus.“

Reisen erweitert den Horizont. Es hilft dem Alltag zu entfliehen, Neues zu entdecken. Zu staunen und zu forschen. Kulinarisch, kulturell, geografisch. Doch nach einer Weile stellt man fest: alle Städte bestehen aus Häusern, Monumenten und Parks, alle Wüsten aus Sand und Gestein, alle Meere aus salzigem Wasser, alle Gipfel recken sich gen Sonne. Alles ist anders und ähnlich zugleich. Weit weg und nichts Neues. Vielleicht haben sich die Sprache und das Aussehen der Menschen verändert. Der Aha-Effekt fällt aber von Mal zu Mal kleiner aus.

Dennoch propagiert die Reklame wieder und wieder das Fernweh. Schlussendlich landet man aber immer am gleichen Ort. Exotisch muss es sein. Je ferner, desto besser. Es sind nicht die Straßenlaternen, die die Welt erleuchten, sondern das Licht der Blitze. Eine Armee aus Kompakt-, Bridge- und Spiegelreflexkameras hat es sich zur Aufgabe gemacht die Oberfläche der Erde abzulichten. Leider bleibt sie dabei auch sehr oberflächlich. Die großen und kleinen Wunder der Welt sind alle tausendfach fotografiert. Wer eine Fotovorführung eines Bekannten bekommt, sieht nur bekanntes. Da helfen auch Kreativität und Photoshop wenig.

Wer nach dem Motto lebt, die Reise ist nur so gut und so real wie die Fotos es sind, verpasst das Wesentliche. Das Beste an einer Reise sind nicht die Orte, die man besucht, nicht die Zahl der Kirchen und Museen, die man besichtigt hat. Das wirklich Wichtige sind die Erlebnisse mit anderen Menschen. Gespräche, Begegnungen, Niederschläge und Überraschungen. Es sind diese Anekdoten, die man mit Freunden teilt und es sind diese Anekdoten, die fremde Menschen zu Freunden machen. Und dafür lohnt sich nach wie vor eine Reise. Egal wie fern.

Lost in Translation

Nüchterner Raum, weiße Tische, die immer gleichen türksiblauen Plastikstühle, großes Fenster am Ende des Raumes, vorne eine grüne Tafel mit weißer Kreide, der Projektor bestrahlt die heruntergelassene Leinwand, der blaue Windowshintergrund des Rechners hinterlässt ein schwaches Licht auf der hölzernen Wand. Der Raum ist Teil einer containerartigen Verschachtelung. Intelligente Bauweise nennt sich so etwas und hält die Wärme im Winter drinnen und im Sommer draußen und passt so gut in die Landschaft wie eine Palme auf dem Moseler Weinfest.

09.30 Uhr, Beginn des Sprachkurses. Anwesende: eine Spanierin, ein Franzose, eine Färingerin, eine Australierin, drei Amerikaner, drei Deutsche. Das Chaos beginnt. Das Problem: jede Nation hat ihre Last zu tragen.

Die Amerikaner lachen über die Aussprache der Australierin, können selbst jedoch nicht einmal das R korrekt aussprechen, was den Erwerb von „Churros“ erheblich erschwert. Der Franzose erkennt nicht, dass im Spanischen zu einem Großteil die gleichen Wörter verwendet werden und entscheidet einfach Französisch zu sprechen. Man wird ihn schon verstehen. Ansonsten hat er noch immer seinen einzigen französischen Freund, wie er zu sagen pflegt: sein Wörterbuch. Die Färingerin saugt eifrig die Sprache auf, lässt es jedoch gemütlich zugehen. Naja, und über die Deutschen lacht die Welt im Ausland. Die spanische Lehrerin nimmt’s gelassen und plappert fröhlich weiter.

Draußen schnattern die Enten. Ob sie wohl im Ausland verstanden werden?

Schnäppchenjägergesellschaft

„Geiz ist geil!“ ist die neue deutsche Nationalhymne. Das Produkt zum niedrigsten Preis zu finden, ist Volkssport. Eifrig studieren die Hausmütterchen die Stapel Prospekte, die tonnenweise lieblos und nass-feucht vor den Haustüren landen. Per Handzettel geht es nun auf die Jagd. Das Waschpulver bei ALDI, Grillfleisch bei Lidl, O-Saft ist im Real im Angebot und zum Rewe geht’s auch noch, weil der Tchibo-Stand günstige Unterhosen im Regal hat. Dass die Familienkutsche die Preisersparniss durstig auffrisst, interessiert nicht. Es geht um das Gefühl. Es ist schon fast ein Lebensgefühl, eine Gemeinschaft. Im Supermarkt nickt man sich wissend zu – und rast weiter.

Das System ist jedoch schon viel komplizierter geworden. Eingekauft wird nur noch in Läden, die Payback unterstützen. Die fünffach und Hundert-Punkte-Extra Gutscheine werden wohl überlegt eingesetzt. Hinzu kommen die zahlreichen Kundenbindungsprogramme der einzelnen Unternehmen. Aus Bonuspunkten angehäufte Pfannen und Töpfe fristen in dunklen Ecken ein unwürdiges Leben. Oftmals geht es schon gar nicht mehr um den Rabatt, die Punkte selbst sind das Ziel. Wer hat die Meisten? Über die eigene Punktzahl wird ein ähnlich großes Geheimnis gemacht, wie um das eigene Gehalt. Die deutsche Bescheidenheit und Neidkultur setzt sich in der Schnäppchenjägergesellschaft fort. Man tut alles um zu sparen, nur darüber geredet, das wird nicht.

Auch Gutscheinanbieter wie Groupon boomen. Google bot dem Firmengründer 6 Mrd. Dollar zum Kauf. Er lehnte ab und plant jetzt den Börsenstart. Das Prinzip ist einfach: Restaurants, Friseure, Masseure bieten ihre Leistungen über Groupon als Gutschein an. Dabei liegt der Kaufpreis des Gutscheines häufig schon unter der Hälfte des üblichen Wertes. Vertrieben werden die Gutscheine über Groupons Webseite. Man meldet sich mit seiner Stadt an und bekommt so regionenspezifische Angebote. Vom gezahlten Kaufpreis behält Groupon die Hälfte ein. Wird ein Gutschein nicht eingelöst, behält Groupon die gesamte Summe. So werden tausende von Guscheine täglich verkauft. Die Leute sind wie verrückt danach. Nur die Unternehmen merken langsam, dass der einzige Gewinner Groupon ist. Denn sie verdienen kein Geld und bieten deshalb oft nicht den besten Service. So verlieren beide, Konsument und Dienstleister. Deswegen haben die Groupon-Vertriebler schon nach neuen Möglichkeiten gesucht. Mittlerweile gibt es alles, vom Führerschein, über die Augen-Laser-Operation bis hin zur Brustvergrößerung. Analysten haben dieses Problem schon erkannt und raten vom Kauf der Aktie ab. Die Eigentümer wollen jetzt noch das Beste rausholen und dann schleunigst das sinkende Schiff verlassen. Die nächste Blase die Platzen wird. Eine Gutschein- und Rabattblase.

Die Konsumenten juckts nicht, sie machen fröhlich weiter. Billige Importe oder Markenfälschungen werden über eBay bestellt. Das Produkt wird im Laden begutachtet. Wenn es gefällt, wird das Smartphone gezückt und die Barcode-Scanner-App zeigt den günstigsten Preis im Internet an. Möchte der Händler nicht so weit runtergehen, wird woanders gekauft. Seiten wie myHammer verramschen Handwerksleisten zum Niedrigstpreis. Die Dienstleister treiben die eigene Todesspirale voran. Urlaube in die USA stehen nicht mehr unter Kultur-, Landschafts- oder Sprachaspekten. Nein, eine ausgedehnte Shopping-Tour trifft es eher. Gedanken macht man sich darüber, wie man den Zoll am besten austricksen kann und hofft darauf, dass der Dollar möglichst schwach und der Euro stark ist. Dass dies ein enormer volkswirtschaftlicher Schaden für den Ex-Exportweltmeister Deutschland ist und somit die eigenen Arbeitsplätze gefährdet, wird gerne unter den Tisch gekehrt. So wird „das erotische Gefühl eines Schnäppchens“ pervertiert.

Diese Entwicklung beschert uns eine zunehmend offene Schere zwischen Preis und Qualität, ähnlich wie zwischen Arm und Reich. Das Gros der Konsumenten setzt auf möglichst günstige Produkte. Die Tendenz in manchen Bereichen gezielt auf Qualität einhergend mit einem hohen Preis zu setzen, nimmt aber zu. So wird es schon bald nur noch Billigprodukte oder unbezahlbare Qualitätsgüter geben. Noch ist es nicht so weit. Noch kann sich jeder zwischendurch etwas Qualität gönnen. Doch wenn wir nicht aufpassen, wird das verschwinden, ähnlich wie es für die deutsche Mittelschicht prognostiziert wird. Dann können wir nur noch wählen zwischen Fleischresten und von Hand gefütterten Kühen kommendes Steak. Leider fördert die EU diese Entwicklung. Die Verbraucher schreien schon auf, wenn die Milch drei Cent teurer wird. Die absurd niedrigen Preise werden durch milliardenschwere EU-Subventionen erkauft, die der Konsument indirekt über Steuern finanziert. So verdient der Bauer kein Geld, produziert aber so viel, dass wir die Hälfte unserer Milch nach Afrika schicken und sie trotzdem noch günstiger ist, als die lokale Produktion. Ein größeres Anti-Aufbau-Programm für Afrika gibt es nicht – abgesehen von der Kleiderspende.

Denkt das nächste Mal einfach kurz darüber nach, was Ihr in Händen haltet. Und wenn es Euch zu günstig erscheint und Ihr es Euch leisten könnt, kauft das Qualitätsprodukt. Damit tut Ihr nicht nur Euch einen Gefallen, sondern leistet einen wertvollen Beitrag zur Gesellschaft. Nutzt Eure Macht als Konsument!