retourfrei leben

Ein wunderbares Gedicht des Dichters Siegfried Distelrath, das Mut zum Leben, Optimismus und Veränderung macht – gerade vor dem Hintergrund der Behinderung des Verfassers … und irgendwie eine dichterische Version von YOLO (You Only Live Once) ist.

nicht an gewohntem kleben,

sondern leben

neues erleben. alles geben,

retourfrei leben.

wenn es sein muss auch allein

sein

Schritt für Schritt nach vorn

nicht zurückschauen

egal, was andere sagen …

endlich etwas wagen

mich selber fühlen,

auch mal durch den Dreck wüh-

len

lieber frieren, als den Weg ver-

lieren (als mich selbst verlieren)

Sicher und versorgt

das ist alles nur geborgt

Ich will nicht mehr. den Kreis-

verkehr

Stopp, Halt, Vorfahrt nie mehr

Kreisverkehr

Ich gebe der Angst die Hand und

gehe

mit ihr nach vorne in ein unbe-

kanntes Land

Lieber gebe ich der Angst die

Hand

Plädoyer für den Sonntagsbraten!

Um es gleich vorweg zu nehmen: Nein, ich möchte nicht wortwörtlich zurück zum Sonntagsbraten, und Nein, ich möchte auch nicht die Fleischküche proklamieren. Im Gegenteil.

Wir können zwei Tendenzen in Deutschland erkennen. Erstens ist Essen in keinem Industrieland so günstig wie hier und die Deutschen lieben die Schnäppchenjagd und den Preisgeiz auch und vor allem bei Lebensmitteln. Zweitens wurde vermutlich noch nie so viel und so oft Fleisch gegessen wie heute.

Natürlich kann man das gutheißen. Schließlich bedeutet das, auch einkommensschwache Familien kommen in den Genuss zahlreicher Lebensmittel. Eine große Auswahl zum kleinen Preis bieten längst nicht nur die Discounter. Von Nahrungsengpässen wie es sie in Deutschland während und nach der Kriege gegen hat, sind wir weit entfernt. Das ist auch gut so. Auch der starke Wettbewerb des oligopolisch geprägten Lebensmittelhandels kommt dem Verbraucher letztlich zugute. Aber viele Leute haben den Sinn für gutes Essen verloren.

Ich rede dabei nicht einmal über die häufige Verwendung von Fertiggerichten oder der Besuch beim Fast Food-Restaurant um die Ecke. Mir geht es darum, dass vielen Deutschen das Essen wortwörtlich nichts mehr WERT ist. Je günstiger desto besser, lautet die Maxime. Statt Qualität zählt Preis. Dabei geht nicht nur der gute Geschmack verloren (und das allein wäre schon Grund genug). Nein, Essen ist das Benzin unseres Körpers. Ich benutze bewusst dieses Bild, denn wenn es um’s Auto fahren geht, ist der Deutsche gemeinhin schmerzfrei – oder sehr preisunelastisch wie der Ökonom sagen würde. Aber für Milch einen Euro auszugeben, schönes Gemüse vom heimischen Bauern, Geld in ordentliches Rindfleisch zu investieren – das scheint nicht drin zu sein. Dagegen dreht sich die Spirale, dass jedes Lebensmittel rund um’s Jahr zu sinkenden Preisen zur Verfügung stehen muss.

Jetzt werden viele rufen: Aber das kann sich doch niemand leisten! Ich bin armer Student/alleinerziehende Mutter/Rentner/McDonald’s Dauergast!! Da kommt der Sonntagsbraten ins Spiel. Muss ich denn wirklich jeden Tag Fleisch essen? Wie wäre es, wenn nur noch 1-2 Mal die Woche Fleisch in die Pfanne kommt … und dafür zur Abwechslung mal ein richtig Gutes. Das hat den netten Nebeneffekt, dass diese Ernährung höchstwahrscheinlich auch noch gesünder wäre. Ganz zu schweigen von der ethischen Verantwortung den Schwellen- und Entwicklungsländern gegenüber und der Umwelt und den Tieren zuliebe. Statt die ganze Woche Diesel in sich reinpumpen, lieber die Woche über umweltverträgliche Alternativen und am Wochenende dann mit Super-V Gas geben. Oder am Montag. Oder am Dienstag. Das sei natürlich jedem selbst überlassen.

Sowieso: Wer sich jetzt angegriffen fühlt, hat mich falsch verstanden. Dieses Plädoyer ist eine Denkanregung. Spielt den Gedanken nur einmal durch! Ich möchte und kann niemandem vorschreiben, was er isst. Auch möchte ich niemandem sein Grundrecht auf Fleisch, wie es in Deutschland mehr oder weniger formuliert ist, absprechen. Jeder, der einmal richtig gut essen war, kennt das Glücksgefühl danach. Warum nicht einmal zuhause ausprobieren?

„Seien Sie ein Zäpfchen!“

Seien Sie ein Zäpfchen! Mit diesem augenzwinkernden Aufruf verfolgte der Kabarettist eine ernsthafte Angelegenheit. Mit dem Gedanken im Kopf, dass alles irgendwann einmal ein erstes Mal gemacht wurde, fordert er sein Publikum auf, die Menschen zu Überraschen. Neues Denken und Wagen. So wie, nun ja, ein Zäpfchen eben. Schließlich ist auch da irgendwann jemand aus abenteuerlustiger Neugier auf die Idee gekommen, dass Tabletten nicht außschließlich über den Mund verarbreicht werden müssen.

Es ist ja die Last unserer Generation: Alles scheint bereits erfunden, alles bereits ausprobiert, jeder Krieg gefochten, jedes Lebensmodell durchgespielt. Wo gibt es überhaupt noch unbefleckte Gebiete? Ich möchte hier bewusst nicht über Innovationen in Unternehmen schreiben, die auch in immer kürzeren Zyklen ausgerufen werden (abgesehen davon, dass vieles „Innovative“ entweder gar nicht so neu oder einfach überflüssig ist). Sicherlich ist es spannend, Eigenschaften von Produkten aus einem Bereich in einen anderen zu transferieren oder von der Natur zu lernen und die atemberaubendsten Apperaturen zu erstellen. Doch das betrifft die wenigsten.

Nicht nur in Unternehmen herrscht ein Zwang zur Kreativität. Wie DIE ZEIT kürzlich feststellte, muss jeder kreativ sein – und zwar jederzeit und überall. Der Mitarbeiter muss nicht unbedingt genial, wenigsten aber doch kreativ sein. Dass dies nicht immer funktioniert, sagt einem der gesunde Menschenverstand. Vielleicht muss nicht immer alles individuell und neu sein. Wo jeder einzigartig ist, wird Kreativität zum Höhepunkt der Angepasstheit und die Langweiler und Normalos gelten schon beinahe als Revoluzzer.

Überasschen Sie andere! Dafür kann ich nur einstehen. Kreativität als wertvolle Resource. Vollkommen d’accord. Aber jeder und immer und unentwegt? Das kann es nicht sein. Der Zirkus der Einzigartigkeit führt zu nichts. Freiräume müssen geschaffen werden, wo Möglichkeiten zu echter Kreativität entstehen. Ein jeder hat das Recht das Leben nach seiner Gusto zu führen, solange er andere dadurch nicht schädigt. Aber das Dogma der notwendigen Kreativität – eine Eigenschaft, die früher eher Künstlern und damit überflüssigen Extravaganzen und ein Luxus der modernen Welt gesehen wurde – bringt nichts. Ich habe nichts gegen Andersartigkeit, genauso wie ich Angepasstheit toleriere. Soziale Zwänge führen bestimmt nicht zu Neuem und Revolutionärem. Freiräume, die die Verwirklichung eigener Ideen zulassen, sind jedoch unerlässlich. Auch und gerade in Schulen.

Alltagsschnipsel

Zusammenhanglose Beschreibungen einiger Begegnungen im fernen Osten.

Neulich hungrig in Asien. „Can I have this?“, sprach’s und zeigte auf das Bild (darauf bin ich angewiesen, denn das Essen kann ich weder aussprechen noch erkennen). Kurze Zeit später stand der duftend dampfende Teller vor mir. Ich machte mich daran, den Muschel-Reis-Mix mit Stäbchen in meinen Mund zu befördern – anscheinend nicht allzu geschickt. Geschwind stand der Kellner neben mir, mit einem Grinsen auf dem Mund und Messer und Löffel in der Hand …

Neulich an der Supermarktkasse. Nachdem ich mich an diversen Fisch und Fleischständen, der Kühltecke, japanischen Reissäcken, die wie Kriegsdämme aufgebaut waren, koreanischen Fertiggerichten und indischen Süßigkeit durch den Supermarkt gekämpft habe – immer das wertvolle Gut Lebensmittel auf den Händen balancierend (das die Einkaufswagen kostenlos und ohne Chip am Eingang stehen, sollte ich erst Tage später erfahren) – gelangte ich schlielich zur Expresskasse für Kunden mit weniger als acht Gegenständen, sprich Kunden wie mir. Die Kassierin fing ruhig an meine Sachen von der Ablage zu scannen. Ich unterbrach sie und fragte, ob ich eine Plastiktüte verwenden dürfe. Etwas verwirrt nickte sie und fuhr mit ihrer Arbeit fort. Da dachte ich, ok und wollte mir eine Tüte greifen, die links von ihr lag. Da wurde sie etwas aufgebracht, hielt mich zurück und teilte mir mit, dass mache sie schon. Achso, na wenn das so ist. Ich wollte ihr wirklich nicht den Job wegnehmen. Den Komfort bezahlt man hier allerdings mit Geschwindigkeit. Von wegen Express, da lacht ein Aldi nur drüber.

Neulich an der Taxihotline. „Hi, can I have a cab, please?“ „You are calling from where, Sir?“ „Opal Damansara Condo, Sunway Damansara.“ „Which unit?“ „I’m in Block A, unit 10/1.“ „hlhkhkljkljklj“ „What?“ „kljljljöjö9jiha“ „Do you want to know, where I am going to? It is One World Hotel.“ „jkljklöjköjaddfaefadsf“ „Sorry?? My telephone number is … 01..“ „Sir, I need your full adress!!“ „I already told you it’s Sunway Damansara … “ tüüütüüüütüüüüt „Hello? Hello?!“ (Entweder mochte mich die Dame nicht oder ich verstehe den Aktzent nicht, oder beides.)

Neulich an Nachbarschreibtisch im Büro, eine Telefonunterhaltung mit Freisprecher. „Hey!“ „Hey, what’s the matter?“ „I’m sooo sorry!“ „What happened?“ „I ate all your cookies …“ „Are you serious?! Was the Big Mac not enough for you?!“ „I know, I’m so sorry, but they were laying there and looking soooo good …“ Dann verfallen alle in Gelächter.

Gefangen in der Zukunft

Jugendarbeitslosigkeit hier, Überfluss an Möglichkeiten dort. Das Leben eines jungen  Menschen heutzutage hat es schon in sich. Und dank verschiedener sozialer Interaktionen in den sozialen Wirren des Internets, Beruf, Uni und Freizeit gilt es nicht nur eine, sondern alle seine Identitäten ständig neu zu formieren und auszurichten. Da kann die Gegenwart schon einmal etwas in Mitleidenschaft gezogen werden.

Anstatt das Hier und Jetzt unbeschwert in vollen Zügen zu genießen, wird gedanklich in der Zukunft gelebt. Der nächste Schritt muss immer geplant werden. Es braucht Vorlaufzeit, um mögliche Alternativen zu sondieren und das Nötige in die Wege zu leiten. Spaß und Ausgelassenheit sind geplante Abschnitte. Dabei laufen wir Gefahr, uns in einem Übergangsleben zu verirren. Ständig das Nächste im Blick, eine Übergangszeit folgt der anderen. Was bleibt ist ein Anfang und ein Ende. Das Eigentliche, die Mitte, wurde übersprungen.

Wir müssen einen Weg finden, die uns gegebenen Chancen als solche zu nehmen und davon zu profitieren, anstatt uns zu Geiseln einer möglichen Zukunft zu machen. Das Leben spielt sich heute ab. Und das ist gut so. Dass einen schwelgerische Tagträume ab und an in die Weiten des Lebens tragen, gehört als nette Praline natürlich genauso in die Schachtel.

Kultur zum Frühstück

Ein hungriger Morgen liegt in der Luft. Die vorbeiströmenden Menschen hinterlassen einen Geruch des Kaffees und duftenden Croissants. Die Zunge schnalzt, der Speichel fließt. So zieht es uns rechts ins Café hinein. Die Decken behangen mit Schinkenbeinen, auf dem metallenen Tresen belegte Brötchen liegend. Wir, eine Deutsche, eine Griechin, ein Russe und ein Belgier, reihen uns am Tresen auf. Der spanische Kellner schaut uns wortlos in Erwartung unserer Bestellung an. Wenige Minuten später stellt der weiterhin wortkarge Kellner unsere Schinkenbrötchen und Marmeladentoasts etwas unsanft vor uns hin. Der Kaffee wird scheinbar missmutig eingeschenkt. Nachdem jeder von uns seinen ersten Bissen getan und das beißende Gefühl des Hungers gedämpft hat, entbrennt ein erbarmungsloser Streit: auf der einen Seite die Mädchen, auf der andere die Jungen. Was ist passiert?

Ich würde es „kulturelle Erwartung“ nennen. Jeder Mensch hat eine Grundhaltung, eine tief in sich steckende Einstellung nach der er Maß nimmt, Verhalten einschätzt und bewertet – und eben auch seine Erwartungen nach ausrichtet. Diese Grundhaltung kann niemand ablegen, man muss sich ihrer nur bewusst sein. Nun sind die Mädels mit einer anderen Erwartung in die Situation gegangen, als die Jungen. Sie sind davon ausgegangen, da wir uns nach wie vor in Europa gerade einmal zwei Flugstunden von der deutschen Heimat entfernt befinden, seien die sozialen Regeln vergleichbar, das Verhalten vorauszusehen und nach deutschen Maßstäben zu bewerten. Die Jungen hingegen sind von vornherein von einem anderen Verhalten ausgegangen. Auslöser des Streits war das „unfreundliche“ Verhalten des Kellners, so die deutsche Perspektive. Dass das Verhalten eventuell landesüblich und überhaupt nicht unfreundlich gemeint war, wurde als Annahme nicht ohne Weiteres akzeptiert. Ich behaupte, der Kellner hat zwar für einen Deutschen ein merkwürdiges Verhalten an den Tag gelegt, nicht jedoch für einen Spanier. Es ist ein Paradebeispiel für Missverständnisse aufgrund anderer kultureller Hintergründe. Von diesem Standpunkt waren und sind jedoch nicht alle Beteiligten überzeugt.

Die Frage nun also an Euch: Kann man – zumindest innerhalb Europas, dass ja schließlich immer weiter zusammenwachsen soll – davon ausgehen, dass Kultur und Verhalten einander so ähnlich sind, dass Missverständnisse weitestgehend ausgeschlossen werden können?

Darwin läutet das Ende der Menschheit ein

Ein Freund hat mich letztens bei einem guten Glas auf diesen doch etwas erschreckenden und zugleich interessanten Gedankengang gebracht (Thanks David!). Der geht so:

Seit Jahrtausenden gilt in der Natur das Gesetz des Stärkeren und Klügeren. Nur jene können überleben. Das hat nicht zuletzt Darwin uns gezeigt und gilt für die meisten Lebewesen nach wie vor. Nur der Mensch ist gewillt dem zu entgehen. Durch die Entwicklung der modernen Medizin und Unterstützung durch die Technik muss heutzutage kaum noch ein Mensch wegen einer Behinderung, einer Krankheit oder einfach wegen seiner mäßigen Intelligenz oder Stärke sterben (ich vereinfache hier bewusst, möchte aber keineswegs außer Acht lassen, dass die Realität leider oftmals das Gegenteil beweist). Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass wir Darwins Gesetzt außer Kraft gesetzt haben und über Generationen hinweg, die Gene der Dummen, Schwachen und Kranken reproduzieren. Das war Beobachtung Nummer eins.

Beobachtung Nummer zwei. Sozialwissenschaftliche Studien belegen schon seit langem, dass klassenloses Leben eine Mär ist. Lebensqualität, Bildung, Gesundheit, Möglichkeiten zur Lebensgestaltung hängen nach wie vor immens vom Elternhaus ab. Hinzu kommt: das verändert sich kaum. Denn klassenübergreifende Heiraten sind äußerst selten. So bleibt jeder unter sich.

Führt man nun diese zwei Beobachtungen zusammen, lässt sich ableiten, dass sich zwar die „schlechten“ Gene weiter reproduzieren, nicht aber vermischen. Denn eine These wäre, die klassenübergreifende Heirat lässt sich analog auf ähnliche Gene übertragen. Das hieße, gesunde und intelligente Menschen neigen dazu andere gesunde und intelligente Menschen zu heiraten und Nachwuchs zu zeugen. Das bedeutet aber auch, dass die „schlechten“ Gene sich mit den anderen schlechten vermischen. Dies würde auf lange Sicht dazu führen, dass es einen Teil von Menschen gibt, die nach Darwins Lehre nur die besten Gene vereinen, und einen anderen Teil, der – salopp gesagt – die Resterampe spielt. Was geschieht mit diesen Menschen? Sind sie auf lange Sicht noch überlebensfähig? Oder werden sie auf eine Insel gesteckt? Australien vielleicht? Genug Platz und kaum eine Möglichkeit zu entkommen. Eine erschreckende Vorstellung eines menschlichen Endlagers.

Aber selbst wenn die Annahme, die guten Gene bleiben unter sich, nicht stimmt, hat das katastrophale Auswirkungen. Das bedeutet nämlich, dass wir uns kontinuierlich dem biologischen Fortschritt verweigern. Anstatt wie vorgesehen, das Beste zu vereinigen und so die Spezies weiterzuentwickeln, blieben wir auf dem Status quo. Unsere Umwelt hingegen entwickelt sich rasant weiter. Das würde uns vollständig abhängig machen von der Technologie.

Keine dieser Varianten ist besonders wünschenswert. Habe ich also einen Fehler in meinen Prämissen?

Vergänglichkeit des Glanzes

Luxus. Kaum ist das Wort ausgesprochen, hat es schon polarisiert. Jeder assoziiert andere Bilder mit diesem Begriff, jeder steht diesem Begriff anders gegenüber. ‚Lux’, das Licht, spiegelt den Glanz all dessen wider, was das Wort zu umschreiben versucht. Es steht für Verschwendung und Übermaß. Manche übersetzen es mit Genusssucht. Gemeinhin wird es als Abweichung von der Norm oder das über das soziale Maß Hinausgehende bezeichnet. Da zeigt sich auch schon die Relativität dieses Begriffes. Die Auffassung wechselt dabei nicht nur von Person zu Person, sondern auch von Epoche zu Epoche. Was  Luxus für den einen, ist Alltag für den anderen. Was einst begehrenswert, wird heute verachtet. Das gilt sowohl für Dinge als auch für Verhalten.

Ist es Luxus einen Artikel über Luxus zu schreiben? Darf man sich ohne Zweifel seine Pizza auf dem Bett liegend in den Mund schieben, während auf dem einen Notebook ein Film läuft und auf dem anderen Musik geladen wird, die zwei Handys auf dem Nachttisch bereit liegen, die lederne Tasche gepackt für den nächsten Wochenendtrip, Ray-Ban, iPod, handgefertigte Kopfhörer und die gebügelten Hemden parat? Oder ist es Luxus sich einfach zwei Stunden ans Ufer zu setzen und nichts zu machen? Die Antworten werden so verschieden sein wie die Antwortenden.

Darum geht es aber auch gar nicht. Jeder Mensch braucht Luxus. Jeder Mensch hat Luxus. Seinen Luxus. Seinen eigenen, ganz persönlichen. Das Problem: zu viele rennen dem beworbenen Luxus hinterher. Der, der hinter Schaufenstervitrinen steht und so schön glänzt. Das ist nicht falsch. Es ist vergänglich. Kaum hat man sich einen zusätzlichen Luxus gegönnt, ist die Euphorie verflogen. Das nächste Teil muss her. Dabei macht der Gedanke und das Planen daran mehr Freude als der Besitz. Ein weiterer Malus: man gewöhnt sich daran. Nach nicht all zu langer Zeit braucht man diese Dinge. Das wird dann schon schwieriger.

Was dagegen hilft: Genuss und Qualität mit Luxus gleichsetzen und sich danach richten. Außerdem tut die Abstinenz von all den Dingen gut. Eine Reise kann helfen. Danach lernt man alles mehr zu schätzen. Vor allem seinen eigenen, ganz persönlichen Luxus.

Beobachtungen, die die Lage der Wirtschaft in Spanien erklären (können)

Einen Monat ist es nun schon her, dass ich nach Spanien gezogen bin. In der Zeit konnte ich einige Beobachtungen machen, die mir doch erwähnenswert erscheinen. Beobachtungen vom alltäglichen Leben und von dem, was auf der Straße passiert. Und einige scheinen mir eine plausible Erklärung dafür zu sein, warum die spanische Wirtschaft eventuell nicht ganz so gut läuft wie die Deutsche. Vielleicht ist das vermessen, entscheidet selbst.

  • zwischen Bestellung und Erhalt eines Döners vergeht eine halbe Stunde
  • die Gehgeschwindigkeit ist halb so schnell wie in Deutschland (was zu Kollisionen führen kann)
  • auf dem Spielplatz spielt die gesamte Familie und alle Nachbarn
  • es wird den ganzen Tag über Bier getrunken, das sogar zu Spottpreisen in der Uni-Mensa ausgeschenkt wird
  • um vier Uhr Nachmittags sind die Straßen und Cafés voll
  • die Geschäfte haben die gleichen Öffnungs- und Schließzeiten wie in Deutschland, mit der Ausnahme, dass sie zwischendurch drei Stunden Mittagspause machen
  • niemand spricht Englisch
  • in den Geschäften und Restaurants kann niemand mehrere Sachen gleichzeitig erledigen, die Bestellungen und Aufträge werden sauber einer nach dem anderen bearbeitet
  • um ein Salami-Brötchen mit ein paar Chips in der Mensa zu bekommen muss man 20 Minuten kalkulieren
  • wenn es heißt, ab ein Uhr gibt es Essen, sollte man auf gar keinen Fall eine Minute zu früh kommen, eher zehn zu spät
  • jede Nacht wird die komplette Stadt mit Wasser und Seife gereinigt
  • die U-Bahnen und Haltestellen sind sauberer als deutsche OP-Säle

Über den Gegenpol, die Lebensqualität, berichte ich in den nächsten Wochen.

Lost in Translation

Nüchterner Raum, weiße Tische, die immer gleichen türksiblauen Plastikstühle, großes Fenster am Ende des Raumes, vorne eine grüne Tafel mit weißer Kreide, der Projektor bestrahlt die heruntergelassene Leinwand, der blaue Windowshintergrund des Rechners hinterlässt ein schwaches Licht auf der hölzernen Wand. Der Raum ist Teil einer containerartigen Verschachtelung. Intelligente Bauweise nennt sich so etwas und hält die Wärme im Winter drinnen und im Sommer draußen und passt so gut in die Landschaft wie eine Palme auf dem Moseler Weinfest.

09.30 Uhr, Beginn des Sprachkurses. Anwesende: eine Spanierin, ein Franzose, eine Färingerin, eine Australierin, drei Amerikaner, drei Deutsche. Das Chaos beginnt. Das Problem: jede Nation hat ihre Last zu tragen.

Die Amerikaner lachen über die Aussprache der Australierin, können selbst jedoch nicht einmal das R korrekt aussprechen, was den Erwerb von „Churros“ erheblich erschwert. Der Franzose erkennt nicht, dass im Spanischen zu einem Großteil die gleichen Wörter verwendet werden und entscheidet einfach Französisch zu sprechen. Man wird ihn schon verstehen. Ansonsten hat er noch immer seinen einzigen französischen Freund, wie er zu sagen pflegt: sein Wörterbuch. Die Färingerin saugt eifrig die Sprache auf, lässt es jedoch gemütlich zugehen. Naja, und über die Deutschen lacht die Welt im Ausland. Die spanische Lehrerin nimmt’s gelassen und plappert fröhlich weiter.

Draußen schnattern die Enten. Ob sie wohl im Ausland verstanden werden?