Top-Review Culture – Das Amazon-Prinzip

Über den Dächern Istanbuls hatte ich kürzlich eine anregende Diskussion in einer multikulturellen Gruppe bei angenehm duftendem türkischen Tee. Daraus ist dieser Beitrag entstanden.

Die Diskussion ist alt. ob die Globalisierung, das zunehmende Reisen und Handeln, Auslandseinsätze und nicht zuletzt die Vernetzung über das Internet zu MEHR oder zu WENIGER Kultur führen. Für ersteres spricht, dass verschiedene Kulturen offen gelebt und somit sichtbar werden. Für letzteres, dass wir uns durch den gemeinsamen Austausch immer mehr angleichen. Einer der Gesprächspartner hat jedoch einen interessanten Punkt gebracht. Ich nenne es das „Amazon-Prinzip„. Kurz gesagt, bedeutet das Amazon-Prinzip, dass durch Reviews und Ratings alles vereinheitlicht wird und wir schlussendlich nur noch in einer Top-Review Culture leben werden.

Dafür hole ich etwas aus. Bei Medien wie Büchern oder Musik ist völlig normal, sich an Bestenlisten und Top-Charts zu orientieren. So ist es bei Amazon üblich, das meistverkaufte Buch eines bestimmten Genres angezeigt zu bekommen. Darauf aufbauend entspinnen sich Empfehlungen, die von Lesern geschrieben sind und das Buch oder ähnliche bewerten. Jetzt die Frage: Bevor Du ein Buch kaufst, schaust Du in die Bewertungen? Wenn ja, würdest Du es kaufen, wenn es schlecht bewertet ist? Die Frage dürfte in den meisten Fällen mit einem Nein beantwortet werden. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass nur noch Bücher verkauft werden, die eine hohe Zahl an positiven Bewertungen, sprich Reviews, haben. Abgesehen von Nischen-Büchern für spezielle Bedürfnisse kommt es also zu einem Mainstream oder auch Gleichmachung der verbreiteten Bücher. Ein Großteil der Menschen liest die gleichen Bücher. Ein ökonomisch denkender Autor wird sich folglich an diesem Stil Büchern orientieren und der Kreislauf ist vollkommen.

Das ganze ist noch ohne Wertung (um gleich den Aufschrei zu ersticken: Wenn’s viele gut finden, wird’s wohl auch so sein – ist doch nichts schlechtes dran!). Die Theorie ist jetzt, dass sich dieses Amazon-Prinzip auf ganz viele verschiedene Bereiche überträgt. Nicht nur Musik und Filme, sondern auch die Wahl der Universität, des Autos, der Stadt, des Berufs, der Religion … Alles basiert auf Top-Reviews. Ohne gute Bewertungen in ausreichender Zahl existiert nichts. Anstatt nutzerbasierter Diversität erhalten wir also einen homogenen Mainstream in allen Lebensbereichen. Das klingt – trotz seiner überspitzten Form – erschreckend.

Wenn alle Bewertungen jedoch die mehrheitliche Meinung widerspiegeln, könnten man sogar von einem ur-demokratischen System sprechen. Was viele aber nicht wissen: Die Ratings sind nicht alle echt. Freiberufler und professionelle PR-Agenturen werden damit beauftragt, Erfahrungsberichte zu Büchern, Hotels etc. zu verfassen und so systematisch die Bewertung zu verfälschen – in beide Richtungen. So wird unter dem Mantel des demokratischen Prinzips gezielt getäuscht und eine Homogenisierung der Kultur herbeigeführt. Das ist der Punkt, wo es gefährlich wird. Wenn die Menschen sich nicht bewusst sind, dass sie bestimmte Dinge konsumieren, evtl. sogar Lebensentscheidungen auf Basis von Schein-Empfehlungen und -Mehrheiten treffen, bietet es die Möglichkeit, Macht in die falsche Hände kommen zu lassen. So wird aus dem so harmlos klingenden Amazon-Prinzip eine Propaganda-ähnliche Maschinerie.

Bildung heißt nicht Ausbildung!

In Anlehnung an die Debatte in DIE ZEIT Mitte vergangen Jahres angestoßen durch die Politikdozentin Christiane Florin, die sich über die wassernuckelnden Studenten echauffierte und die Gegenmeinung des ehemaligen Studenten Julian Kirchherr, der kurzerhand sagte: „Politikwissenschaft ist Mist!“, möchte ich nun noch meinen Senf zu diesem Thema dazugeben.

Wenn ich sage „Bildung heißt nicht Ausbildung“ möchte ich nicht etwa die Ausbildung schlechter stellen. Ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass es einen Unterschied zwischen Hochschulbildung und einer beruflichen Ausbildung gibt und sich sowohl die Studierenden als auch die Dozenten dessen bewusst sein sollten.

Ein Studium soll nicht dazu dienen, vorgefertigte Abläufe abspulen zu können. Es geht nicht darum zu lernen, wie ein Formular ausgefüllt werden muss, noch geht es darum zu lernen, wie eine Buchung im System funktioniert. Bildung hat einen tieferen Charakter.

Es geht natürlich auch darum grundlegendes und fachspezifisches Wissen zu vermitteln. Aber es geht eben auch um die Reflexion und Analyse und Abstraktion. An erster Stelle soll ein Studium abstraktes Denken lehren, lehren sich in komplexe Sachverhalte einzuarbeiten, geschichtliche und kontextuelle Einordnungen von Texten und Schriften zu vollbringen. Ein Studium lehrt eine gewisse Art des Denkens.

An zweiter Stelle steht dann die Vermittlung des fachlichen Wissens, das mindestens genauso wichtig ist. Aber auch hier ist eine abstrakte Ebene gefragt. Konkretes Wissen, wie bestimmte Sachen in bestimmten Bereichen funktionieren, können das gerne komplettieren, sollten aber nie der Fokus sein. Dafür ist das schöne „Training on the job“ zuständig – und es funktioniert wunderbar.

Theorie und Praxis sind per se zwei unterschiedliche Dinge. Die Theorie bildet oftmals, wenn auch auf sehr subtile Weise, die Grundlage für die Praxis. Und vielfach reiben sich Theorie und Praxis aneinander und es entstehen fruchtbare Ergebnisse und Erkenntnisse. Hochschulbildung aber mit praktischer Ausbildung gleichzusetzen ist schlichtweg falsch.

Ich möchte auch mit einem zweiten Irrglauben aufräumen: Studiengänge müssen nicht zwangsläufig für einen bestimmten Beruf ausgerichtet sein. Was bei Medizinern und Juristen sicherlich nur eingeschränkt gilt, wird gerade bei den Geisteswissenschaften sehr deutlich. Die Karrierewege sind sehr verschieden und auf fachliches Wissen aus dem Studium kommt es mitunter nur selten an. Wohl aber auf die Methodik und Denkweise. In der Hinsicht sind uns die angelsächsischen Länder teilweise voraus. Dort kann ein Biologe problemlos in einer Bank arbeiten – ohne schief angeschaut zu werden.

Und bevor mich jemand falsch versteht. Natürlich gibt es auch viele gebildete Menschen, die nie studiert haben. Und das ist der Beweis zugleich. Denn es kommt auf eine Einstellung, eine Neugierde und Denkweise an, sich mit Dingen zu beschäftigen und wie man an sie herangeht. Das Studium sollte solche Werte und Eigenschaften vermitteln. Eine Berufsausbildung hingegen hat das Ziel auf ein konkretes Berufsbild ganz praktisch vorzubereiten. Diese Unterscheidung ist gut und wichtig. Und die Universitäten und Studenten sollten aufpassen, dass diese weiterhin gewahrt bleibt!

retourfrei leben

Ein wunderbares Gedicht des Dichters Siegfried Distelrath, das Mut zum Leben, Optimismus und Veränderung macht – gerade vor dem Hintergrund der Behinderung des Verfassers … und irgendwie eine dichterische Version von YOLO (You Only Live Once) ist.

nicht an gewohntem kleben,

sondern leben

neues erleben. alles geben,

retourfrei leben.

wenn es sein muss auch allein

sein

Schritt für Schritt nach vorn

nicht zurückschauen

egal, was andere sagen …

endlich etwas wagen

mich selber fühlen,

auch mal durch den Dreck wüh-

len

lieber frieren, als den Weg ver-

lieren (als mich selbst verlieren)

Sicher und versorgt

das ist alles nur geborgt

Ich will nicht mehr. den Kreis-

verkehr

Stopp, Halt, Vorfahrt nie mehr

Kreisverkehr

Ich gebe der Angst die Hand und

gehe

mit ihr nach vorne in ein unbe-

kanntes Land

Lieber gebe ich der Angst die

Hand

Stell Dir vor es ist Schule und …

Ja, und was? Mit der Fortsetzung dieser Frage habe ich seit kurzem eine twitter-Reihe gestartet (sehr sporadisch) und möchte gerne zur Diskussion und Ideenaustausch anregen! Aber steigen wir mal inhaltlich in dieses kritische Thema der deutschen Politiklandschaft ein, das unideologisch nicht besprochen werden kann.

Dieses Mal der Lehrer.

Der neuseeländische Forscher Hattie hat mit seiner gigantischen Metaanalyse die Faktoren guter Schule untersucht. Überraschenderweise auf Platz eins: der Lehrer. Eine fachlich wie didaktisch exzellente Lehrkraft entscheidet über den Erfolg der Schüler. Wie aber bekommen wir solche Lehrer? Indem wir die Berufswahl vom Abiturschnitt abhängig machen? Indem wir Lehrer die längste Zeit ihres Studiums Fachwissen lernen lassen und die Praxis ausblenden? Indem wir Referendare ins kalte Wasser schmeißen, sodass sie sich ein Leben lang nicht vom Alltagsschock erholen? Indem wir die praktische Abschlussprüfung als trainiertes Theaterstück im Klassenzimmer ablaufen lassen, wo die wichtigsten Kriterien der minutengenaue Ablauf ist? Wie kann es sein, dass die Lehrerbildung sich seit 100 Jahren so wenig verändert hat und die Zuständigen an den Universitäten lieber über den Sinn und Unsinn von Bologna streiten anstatt nach einer zukunftsgerichteten Lösung zu suchen? „Man darf nicht die Frösche fragen, wenn man den Sumpf austrocknen will.“, entgegnet der Schul- und Hirnfoscher Hüther trocken.

Angehende Lehrer sollten nach ihrer Motivation und Eignung ausgesucht werden, und nicht nach subjektiven Schulnoten. Neben einer fachlich exzellenten Bildung müssen sie didaktisch geschult werden nach den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft. Und bitte nicht nur theoretisch! Angeleitet in die Praxis, wo das Gelernte angewendet werden kann und stetiges Feedback die Reflexion fördert und Entwicklungen vorantreibt. Feedback muss ohnehin in den Schulalltag implementiert werden. Woher kommt eigentlich die Angst der Lehrer, von Schülern bewertet zu werden? Nur eine konstruktive Kritik fördert die stetige Entwicklung, behält den Spaß und Erfolg an der Arbeit bei und zeigt den Schülern, dass sie ernst genommen werden.

Nun, vielleicht schafft der Bund demnächst ein wenig zukunftsgerichtete Veränderung …

Plädoyer für den Sonntagsbraten!

Um es gleich vorweg zu nehmen: Nein, ich möchte nicht wortwörtlich zurück zum Sonntagsbraten, und Nein, ich möchte auch nicht die Fleischküche proklamieren. Im Gegenteil.

Wir können zwei Tendenzen in Deutschland erkennen. Erstens ist Essen in keinem Industrieland so günstig wie hier und die Deutschen lieben die Schnäppchenjagd und den Preisgeiz auch und vor allem bei Lebensmitteln. Zweitens wurde vermutlich noch nie so viel und so oft Fleisch gegessen wie heute.

Natürlich kann man das gutheißen. Schließlich bedeutet das, auch einkommensschwache Familien kommen in den Genuss zahlreicher Lebensmittel. Eine große Auswahl zum kleinen Preis bieten längst nicht nur die Discounter. Von Nahrungsengpässen wie es sie in Deutschland während und nach der Kriege gegen hat, sind wir weit entfernt. Das ist auch gut so. Auch der starke Wettbewerb des oligopolisch geprägten Lebensmittelhandels kommt dem Verbraucher letztlich zugute. Aber viele Leute haben den Sinn für gutes Essen verloren.

Ich rede dabei nicht einmal über die häufige Verwendung von Fertiggerichten oder der Besuch beim Fast Food-Restaurant um die Ecke. Mir geht es darum, dass vielen Deutschen das Essen wortwörtlich nichts mehr WERT ist. Je günstiger desto besser, lautet die Maxime. Statt Qualität zählt Preis. Dabei geht nicht nur der gute Geschmack verloren (und das allein wäre schon Grund genug). Nein, Essen ist das Benzin unseres Körpers. Ich benutze bewusst dieses Bild, denn wenn es um’s Auto fahren geht, ist der Deutsche gemeinhin schmerzfrei – oder sehr preisunelastisch wie der Ökonom sagen würde. Aber für Milch einen Euro auszugeben, schönes Gemüse vom heimischen Bauern, Geld in ordentliches Rindfleisch zu investieren – das scheint nicht drin zu sein. Dagegen dreht sich die Spirale, dass jedes Lebensmittel rund um’s Jahr zu sinkenden Preisen zur Verfügung stehen muss.

Jetzt werden viele rufen: Aber das kann sich doch niemand leisten! Ich bin armer Student/alleinerziehende Mutter/Rentner/McDonald’s Dauergast!! Da kommt der Sonntagsbraten ins Spiel. Muss ich denn wirklich jeden Tag Fleisch essen? Wie wäre es, wenn nur noch 1-2 Mal die Woche Fleisch in die Pfanne kommt … und dafür zur Abwechslung mal ein richtig Gutes. Das hat den netten Nebeneffekt, dass diese Ernährung höchstwahrscheinlich auch noch gesünder wäre. Ganz zu schweigen von der ethischen Verantwortung den Schwellen- und Entwicklungsländern gegenüber und der Umwelt und den Tieren zuliebe. Statt die ganze Woche Diesel in sich reinpumpen, lieber die Woche über umweltverträgliche Alternativen und am Wochenende dann mit Super-V Gas geben. Oder am Montag. Oder am Dienstag. Das sei natürlich jedem selbst überlassen.

Sowieso: Wer sich jetzt angegriffen fühlt, hat mich falsch verstanden. Dieses Plädoyer ist eine Denkanregung. Spielt den Gedanken nur einmal durch! Ich möchte und kann niemandem vorschreiben, was er isst. Auch möchte ich niemandem sein Grundrecht auf Fleisch, wie es in Deutschland mehr oder weniger formuliert ist, absprechen. Jeder, der einmal richtig gut essen war, kennt das Glücksgefühl danach. Warum nicht einmal zuhause ausprobieren?

„Seien Sie ein Zäpfchen!“

Seien Sie ein Zäpfchen! Mit diesem augenzwinkernden Aufruf verfolgte der Kabarettist eine ernsthafte Angelegenheit. Mit dem Gedanken im Kopf, dass alles irgendwann einmal ein erstes Mal gemacht wurde, fordert er sein Publikum auf, die Menschen zu Überraschen. Neues Denken und Wagen. So wie, nun ja, ein Zäpfchen eben. Schließlich ist auch da irgendwann jemand aus abenteuerlustiger Neugier auf die Idee gekommen, dass Tabletten nicht außschließlich über den Mund verarbreicht werden müssen.

Es ist ja die Last unserer Generation: Alles scheint bereits erfunden, alles bereits ausprobiert, jeder Krieg gefochten, jedes Lebensmodell durchgespielt. Wo gibt es überhaupt noch unbefleckte Gebiete? Ich möchte hier bewusst nicht über Innovationen in Unternehmen schreiben, die auch in immer kürzeren Zyklen ausgerufen werden (abgesehen davon, dass vieles „Innovative“ entweder gar nicht so neu oder einfach überflüssig ist). Sicherlich ist es spannend, Eigenschaften von Produkten aus einem Bereich in einen anderen zu transferieren oder von der Natur zu lernen und die atemberaubendsten Apperaturen zu erstellen. Doch das betrifft die wenigsten.

Nicht nur in Unternehmen herrscht ein Zwang zur Kreativität. Wie DIE ZEIT kürzlich feststellte, muss jeder kreativ sein – und zwar jederzeit und überall. Der Mitarbeiter muss nicht unbedingt genial, wenigsten aber doch kreativ sein. Dass dies nicht immer funktioniert, sagt einem der gesunde Menschenverstand. Vielleicht muss nicht immer alles individuell und neu sein. Wo jeder einzigartig ist, wird Kreativität zum Höhepunkt der Angepasstheit und die Langweiler und Normalos gelten schon beinahe als Revoluzzer.

Überasschen Sie andere! Dafür kann ich nur einstehen. Kreativität als wertvolle Resource. Vollkommen d’accord. Aber jeder und immer und unentwegt? Das kann es nicht sein. Der Zirkus der Einzigartigkeit führt zu nichts. Freiräume müssen geschaffen werden, wo Möglichkeiten zu echter Kreativität entstehen. Ein jeder hat das Recht das Leben nach seiner Gusto zu führen, solange er andere dadurch nicht schädigt. Aber das Dogma der notwendigen Kreativität – eine Eigenschaft, die früher eher Künstlern und damit überflüssigen Extravaganzen und ein Luxus der modernen Welt gesehen wurde – bringt nichts. Ich habe nichts gegen Andersartigkeit, genauso wie ich Angepasstheit toleriere. Soziale Zwänge führen bestimmt nicht zu Neuem und Revolutionärem. Freiräume, die die Verwirklichung eigener Ideen zulassen, sind jedoch unerlässlich. Auch und gerade in Schulen.

Biete Master-Studium zum Verkauf!

Es geht um Zahlen. Kosten werden Gehalt gegenübergestellt. Finanzierungsmodelle diskutiert. Rankings als Qualitäts- und Differenzierungskriterien angeführt. Nein, es geht nicht um den Kauf einer Versicherung. Es geht im Allgemeinen um nichts tangibles. Die Flohmarkt und Basar-Stimmung täuscht – wir befinden uns auf einer Messe für Masterstudiengänge.

Mich beschleicht das unheimliche Gefühl, dass es gar nicht um mich geht. Nicht einmal um die Studenten allgemein. Und um das Studium nur am Rande. Die Namen der Universitäten nehmen immer neue Züge von Skurrilität an. Hochschulneugründungen scheint ein übersehener Trend zu sein. So tingeln die angehenden Master-Studenten von Stand zu Stand und lassen sich berieseln – mal interessiert, mal weniger. Die Zahl der privaten Hochschulen ist überwältigend. Immerhin finden sich ab und an ein paar Exoten zwischen den Ständen wieder: die öffentlichen Universitäten. Wie Stätten der Ruhe und Beständigkeit dienen die Gespräch dort zum Auftanken. Teure Bewerbungsverfahren? Aufwändige Tests? Hohe Studiengebühren? Fehlanzeige.
Ich möchte nun aber weder auf die Unterschiede privater und öffentlicher Universitäten, noch auf den aktuellen Streit, ob Studiengebühren gerecht sind, eingehen. Aber ein paar Beobachtungen möchte ich gerne teilen.

Warum argumentiert eine Business School mit ihrem „Return-on-Investment„? Die Studiengebühren sind zwar exorbitant hoch, aber da alle Studenten nachher Investmentbanker werden, muss man sich darüber keine Gedanken machen. Sollten nicht die Inhalte des Studiums im Vordergrund stehen? Oder geht es beim Studieren tatsächlich nur noch darum, sich Kontakte in der Wirtschaft zu erkaufen?

Warum möchte mir eine andere Hochschule ihr Studium schmackhaft machen, indem sie auf die vergleichsweise niedrigen Studiengebühren verweist? Wird dadurch das mangelnde Niveau ausgeglichen?

Warum stehen überhaupt Mitarbeiter der Universitäten an den Ständen, wenn deren einzige Kompetenz darin besteht, mir eine Broschüre in die Hand zu drücken und bei weiteren Nachfragen auf die Homepage verweist?

Eine letzte Anekdote dialogisch erzählt:
Ich: Der Master in Management der WHU steht ja bekanntlich eher für die klassische Mangagement-Ausbildung. Gibt es denn eine Möglichkeit, interdisziplinäre Aspekte in das Studium zu integrieren?
Mitarbeiterin der WHU: Natürlich, da empfehle ich Ihnen den Master in Finance …

Alltagsschnipsel

Zusammenhanglose Beschreibungen einiger Begegnungen im fernen Osten.

Neulich hungrig in Asien. „Can I have this?“, sprach’s und zeigte auf das Bild (darauf bin ich angewiesen, denn das Essen kann ich weder aussprechen noch erkennen). Kurze Zeit später stand der duftend dampfende Teller vor mir. Ich machte mich daran, den Muschel-Reis-Mix mit Stäbchen in meinen Mund zu befördern – anscheinend nicht allzu geschickt. Geschwind stand der Kellner neben mir, mit einem Grinsen auf dem Mund und Messer und Löffel in der Hand …

Neulich an der Supermarktkasse. Nachdem ich mich an diversen Fisch und Fleischständen, der Kühltecke, japanischen Reissäcken, die wie Kriegsdämme aufgebaut waren, koreanischen Fertiggerichten und indischen Süßigkeit durch den Supermarkt gekämpft habe – immer das wertvolle Gut Lebensmittel auf den Händen balancierend (das die Einkaufswagen kostenlos und ohne Chip am Eingang stehen, sollte ich erst Tage später erfahren) – gelangte ich schlielich zur Expresskasse für Kunden mit weniger als acht Gegenständen, sprich Kunden wie mir. Die Kassierin fing ruhig an meine Sachen von der Ablage zu scannen. Ich unterbrach sie und fragte, ob ich eine Plastiktüte verwenden dürfe. Etwas verwirrt nickte sie und fuhr mit ihrer Arbeit fort. Da dachte ich, ok und wollte mir eine Tüte greifen, die links von ihr lag. Da wurde sie etwas aufgebracht, hielt mich zurück und teilte mir mit, dass mache sie schon. Achso, na wenn das so ist. Ich wollte ihr wirklich nicht den Job wegnehmen. Den Komfort bezahlt man hier allerdings mit Geschwindigkeit. Von wegen Express, da lacht ein Aldi nur drüber.

Neulich an der Taxihotline. „Hi, can I have a cab, please?“ „You are calling from where, Sir?“ „Opal Damansara Condo, Sunway Damansara.“ „Which unit?“ „I’m in Block A, unit 10/1.“ „hlhkhkljkljklj“ „What?“ „kljljljöjö9jiha“ „Do you want to know, where I am going to? It is One World Hotel.“ „jkljklöjköjaddfaefadsf“ „Sorry?? My telephone number is … 01..“ „Sir, I need your full adress!!“ „I already told you it’s Sunway Damansara … “ tüüütüüüütüüüüt „Hello? Hello?!“ (Entweder mochte mich die Dame nicht oder ich verstehe den Aktzent nicht, oder beides.)

Neulich an Nachbarschreibtisch im Büro, eine Telefonunterhaltung mit Freisprecher. „Hey!“ „Hey, what’s the matter?“ „I’m sooo sorry!“ „What happened?“ „I ate all your cookies …“ „Are you serious?! Was the Big Mac not enough for you?!“ „I know, I’m so sorry, but they were laying there and looking soooo good …“ Dann verfallen alle in Gelächter.

Was macht die Treppe neben der Rolltreppe?

Gedankenlos oder vielmehr voller belangloser Gedanken schlenderte ich wie immer die Treppen hinauf, raus aus dem Schlund des U-Bahn Netzes, genau wie tausende andere Menschen es täglich tun. Doch plötzlich blieb ich steh’n. Irgendetwas stimmte nicht. Erst jetzt fiel mir auf, dass jede Rolltreppe von einer blanken Treppe begleitet wurde. Oder ist es andersherum? Eines ist sicher, die Treppen waren menschenleer.

Gemäß ihrer täglichen Routine standen oder bewegten sich auf der linken Spur mehr oder weniger ungelenk die Menschen gen Ausgang – unter sich das rollende Gefährt. Unbeirrt transportiert es die Masse zu ihrem Elend. Fleißige Putzfrauen sorgen derweil dafür, dass das Glas an der Seite auch schön poliert ist, damit man eine gute Aussicht auf die Hosenpaare der Passanten hat.

Niemand benutzt die Treppen. Das Original, wenn man so will. Und doch gibt es sie überall. Es spielt keine Rolle, ob es sich um einen alten Bahnhof handelt, wo Rolltreppen wahlweise nur aufwärts oder aber an beiden Seiten der Treppen nachträglich eingebaut wurden, oder ob es sich um eine komplette Neuanlage handelt, wo Hinabsteigende und Hinaufkehrende räumlich voneinander getrennt sind und jeder sein eigenes Rolltreppen-Treppen-Paar hat.

Doch wofür sind sie da? Wenn die Rolltreppe ausfällt? Zwar kennt jeder das komische Gefühl auf einer stehenden Rolltreppe zu gehen, funktionieren tut das aber. Für breitere Gegenstände? Wofür dann der Aufzug? Werden sie tatsächlich nur dafür gebaut, damit einige wenige Menschen sich den Widrigkeiten des Alltags stellen können? Damit sie physisch die Anstrengungen ihrer Reise erfahren? Oder belehrend den anderen zeigen, wie umweltbewusst und gesund man sich doch mit den eigenen Beinen fortbewegen kann? Die ernten dann ohnehin nur verachtende Blicke der etwas höher stehenden, rollenden Gemeinde.

Aus praktischen Gründen kann es nicht sein. Ich habe es selbst unzählige Male ausprobiert. Schneller ist man nicht, wenn man läuft. Deshalb gibt es auch Ausnahmen in großen Städten an belebten Stationen. Dort findet man ausschließlich Rolltreppen. Der Vergangenheit anhängende Hinderer kann man dort schließlich nicht gebrauchen.

Meine Schlussfolgerung: es ist eine kulturelle Ästhetik. Zeige den Menschen, wie fortschrittlich sie sind, wie schnell sie sich bewegen. Das wird tief in die Köpfe gepflanzt. Mit diesem Selbstvertrauen und -verständnis sollen sie bessere Arbeit leisten. Leider geht das nach hinten los. Wenn man oben wieder auf den harten Asphalt geworfen wird und aus seiner Dämmerung erwacht, wartet man nur auf den nächsten Transport. Der kommt bekanntlich nicht. So landet man dann missmutig an seiner Destination.

Also Treppen abschaffen? Nein, ich wäre für einen Totalumbau auf Rutschen mit umgekehrter Funktionalität. Da wird der Spieltrieb angekurbelt und die Gesellschaft läuft. Wie das funktioniert, überlasse ich den Physikern und Bastlern. Das ist der Vorteil am schreiben. Hier muss ich nicht handeln.

Gefangen in der Zukunft

Jugendarbeitslosigkeit hier, Überfluss an Möglichkeiten dort. Das Leben eines jungen  Menschen heutzutage hat es schon in sich. Und dank verschiedener sozialer Interaktionen in den sozialen Wirren des Internets, Beruf, Uni und Freizeit gilt es nicht nur eine, sondern alle seine Identitäten ständig neu zu formieren und auszurichten. Da kann die Gegenwart schon einmal etwas in Mitleidenschaft gezogen werden.

Anstatt das Hier und Jetzt unbeschwert in vollen Zügen zu genießen, wird gedanklich in der Zukunft gelebt. Der nächste Schritt muss immer geplant werden. Es braucht Vorlaufzeit, um mögliche Alternativen zu sondieren und das Nötige in die Wege zu leiten. Spaß und Ausgelassenheit sind geplante Abschnitte. Dabei laufen wir Gefahr, uns in einem Übergangsleben zu verirren. Ständig das Nächste im Blick, eine Übergangszeit folgt der anderen. Was bleibt ist ein Anfang und ein Ende. Das Eigentliche, die Mitte, wurde übersprungen.

Wir müssen einen Weg finden, die uns gegebenen Chancen als solche zu nehmen und davon zu profitieren, anstatt uns zu Geiseln einer möglichen Zukunft zu machen. Das Leben spielt sich heute ab. Und das ist gut so. Dass einen schwelgerische Tagträume ab und an in die Weiten des Lebens tragen, gehört als nette Praline natürlich genauso in die Schachtel.