„Seien Sie ein Zäpfchen!“

Seien Sie ein Zäpfchen! Mit diesem augenzwinkernden Aufruf verfolgte der Kabarettist eine ernsthafte Angelegenheit. Mit dem Gedanken im Kopf, dass alles irgendwann einmal ein erstes Mal gemacht wurde, fordert er sein Publikum auf, die Menschen zu Überraschen. Neues Denken und Wagen. So wie, nun ja, ein Zäpfchen eben. Schließlich ist auch da irgendwann jemand aus abenteuerlustiger Neugier auf die Idee gekommen, dass Tabletten nicht außschließlich über den Mund verarbreicht werden müssen.

Es ist ja die Last unserer Generation: Alles scheint bereits erfunden, alles bereits ausprobiert, jeder Krieg gefochten, jedes Lebensmodell durchgespielt. Wo gibt es überhaupt noch unbefleckte Gebiete? Ich möchte hier bewusst nicht über Innovationen in Unternehmen schreiben, die auch in immer kürzeren Zyklen ausgerufen werden (abgesehen davon, dass vieles „Innovative“ entweder gar nicht so neu oder einfach überflüssig ist). Sicherlich ist es spannend, Eigenschaften von Produkten aus einem Bereich in einen anderen zu transferieren oder von der Natur zu lernen und die atemberaubendsten Apperaturen zu erstellen. Doch das betrifft die wenigsten.

Nicht nur in Unternehmen herrscht ein Zwang zur Kreativität. Wie DIE ZEIT kürzlich feststellte, muss jeder kreativ sein – und zwar jederzeit und überall. Der Mitarbeiter muss nicht unbedingt genial, wenigsten aber doch kreativ sein. Dass dies nicht immer funktioniert, sagt einem der gesunde Menschenverstand. Vielleicht muss nicht immer alles individuell und neu sein. Wo jeder einzigartig ist, wird Kreativität zum Höhepunkt der Angepasstheit und die Langweiler und Normalos gelten schon beinahe als Revoluzzer.

Überasschen Sie andere! Dafür kann ich nur einstehen. Kreativität als wertvolle Resource. Vollkommen d’accord. Aber jeder und immer und unentwegt? Das kann es nicht sein. Der Zirkus der Einzigartigkeit führt zu nichts. Freiräume müssen geschaffen werden, wo Möglichkeiten zu echter Kreativität entstehen. Ein jeder hat das Recht das Leben nach seiner Gusto zu führen, solange er andere dadurch nicht schädigt. Aber das Dogma der notwendigen Kreativität – eine Eigenschaft, die früher eher Künstlern und damit überflüssigen Extravaganzen und ein Luxus der modernen Welt gesehen wurde – bringt nichts. Ich habe nichts gegen Andersartigkeit, genauso wie ich Angepasstheit toleriere. Soziale Zwänge führen bestimmt nicht zu Neuem und Revolutionärem. Freiräume, die die Verwirklichung eigener Ideen zulassen, sind jedoch unerlässlich. Auch und gerade in Schulen.

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