retourfrei leben

Ein wunderbares Gedicht des Dichters Siegfried Distelrath, das Mut zum Leben, Optimismus und Veränderung macht – gerade vor dem Hintergrund der Behinderung des Verfassers … und irgendwie eine dichterische Version von YOLO (You Only Live Once) ist.

nicht an gewohntem kleben,

sondern leben

neues erleben. alles geben,

retourfrei leben.

wenn es sein muss auch allein

sein

Schritt für Schritt nach vorn

nicht zurückschauen

egal, was andere sagen …

endlich etwas wagen

mich selber fühlen,

auch mal durch den Dreck wüh-

len

lieber frieren, als den Weg ver-

lieren (als mich selbst verlieren)

Sicher und versorgt

das ist alles nur geborgt

Ich will nicht mehr. den Kreis-

verkehr

Stopp, Halt, Vorfahrt nie mehr

Kreisverkehr

Ich gebe der Angst die Hand und

gehe

mit ihr nach vorne in ein unbe-

kanntes Land

Lieber gebe ich der Angst die

Hand

Stell Dir vor es ist Schule und …

Ja, und was? Mit der Fortsetzung dieser Frage habe ich seit kurzem eine twitter-Reihe gestartet (sehr sporadisch) und möchte gerne zur Diskussion und Ideenaustausch anregen! Aber steigen wir mal inhaltlich in dieses kritische Thema der deutschen Politiklandschaft ein, das unideologisch nicht besprochen werden kann.

Dieses Mal der Lehrer.

Der neuseeländische Forscher Hattie hat mit seiner gigantischen Metaanalyse die Faktoren guter Schule untersucht. Überraschenderweise auf Platz eins: der Lehrer. Eine fachlich wie didaktisch exzellente Lehrkraft entscheidet über den Erfolg der Schüler. Wie aber bekommen wir solche Lehrer? Indem wir die Berufswahl vom Abiturschnitt abhängig machen? Indem wir Lehrer die längste Zeit ihres Studiums Fachwissen lernen lassen und die Praxis ausblenden? Indem wir Referendare ins kalte Wasser schmeißen, sodass sie sich ein Leben lang nicht vom Alltagsschock erholen? Indem wir die praktische Abschlussprüfung als trainiertes Theaterstück im Klassenzimmer ablaufen lassen, wo die wichtigsten Kriterien der minutengenaue Ablauf ist? Wie kann es sein, dass die Lehrerbildung sich seit 100 Jahren so wenig verändert hat und die Zuständigen an den Universitäten lieber über den Sinn und Unsinn von Bologna streiten anstatt nach einer zukunftsgerichteten Lösung zu suchen? „Man darf nicht die Frösche fragen, wenn man den Sumpf austrocknen will.“, entgegnet der Schul- und Hirnfoscher Hüther trocken.

Angehende Lehrer sollten nach ihrer Motivation und Eignung ausgesucht werden, und nicht nach subjektiven Schulnoten. Neben einer fachlich exzellenten Bildung müssen sie didaktisch geschult werden nach den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft. Und bitte nicht nur theoretisch! Angeleitet in die Praxis, wo das Gelernte angewendet werden kann und stetiges Feedback die Reflexion fördert und Entwicklungen vorantreibt. Feedback muss ohnehin in den Schulalltag implementiert werden. Woher kommt eigentlich die Angst der Lehrer, von Schülern bewertet zu werden? Nur eine konstruktive Kritik fördert die stetige Entwicklung, behält den Spaß und Erfolg an der Arbeit bei und zeigt den Schülern, dass sie ernst genommen werden.

Nun, vielleicht schafft der Bund demnächst ein wenig zukunftsgerichtete Veränderung …

Plädoyer für den Sonntagsbraten!

Um es gleich vorweg zu nehmen: Nein, ich möchte nicht wortwörtlich zurück zum Sonntagsbraten, und Nein, ich möchte auch nicht die Fleischküche proklamieren. Im Gegenteil.

Wir können zwei Tendenzen in Deutschland erkennen. Erstens ist Essen in keinem Industrieland so günstig wie hier und die Deutschen lieben die Schnäppchenjagd und den Preisgeiz auch und vor allem bei Lebensmitteln. Zweitens wurde vermutlich noch nie so viel und so oft Fleisch gegessen wie heute.

Natürlich kann man das gutheißen. Schließlich bedeutet das, auch einkommensschwache Familien kommen in den Genuss zahlreicher Lebensmittel. Eine große Auswahl zum kleinen Preis bieten längst nicht nur die Discounter. Von Nahrungsengpässen wie es sie in Deutschland während und nach der Kriege gegen hat, sind wir weit entfernt. Das ist auch gut so. Auch der starke Wettbewerb des oligopolisch geprägten Lebensmittelhandels kommt dem Verbraucher letztlich zugute. Aber viele Leute haben den Sinn für gutes Essen verloren.

Ich rede dabei nicht einmal über die häufige Verwendung von Fertiggerichten oder der Besuch beim Fast Food-Restaurant um die Ecke. Mir geht es darum, dass vielen Deutschen das Essen wortwörtlich nichts mehr WERT ist. Je günstiger desto besser, lautet die Maxime. Statt Qualität zählt Preis. Dabei geht nicht nur der gute Geschmack verloren (und das allein wäre schon Grund genug). Nein, Essen ist das Benzin unseres Körpers. Ich benutze bewusst dieses Bild, denn wenn es um’s Auto fahren geht, ist der Deutsche gemeinhin schmerzfrei – oder sehr preisunelastisch wie der Ökonom sagen würde. Aber für Milch einen Euro auszugeben, schönes Gemüse vom heimischen Bauern, Geld in ordentliches Rindfleisch zu investieren – das scheint nicht drin zu sein. Dagegen dreht sich die Spirale, dass jedes Lebensmittel rund um’s Jahr zu sinkenden Preisen zur Verfügung stehen muss.

Jetzt werden viele rufen: Aber das kann sich doch niemand leisten! Ich bin armer Student/alleinerziehende Mutter/Rentner/McDonald’s Dauergast!! Da kommt der Sonntagsbraten ins Spiel. Muss ich denn wirklich jeden Tag Fleisch essen? Wie wäre es, wenn nur noch 1-2 Mal die Woche Fleisch in die Pfanne kommt … und dafür zur Abwechslung mal ein richtig Gutes. Das hat den netten Nebeneffekt, dass diese Ernährung höchstwahrscheinlich auch noch gesünder wäre. Ganz zu schweigen von der ethischen Verantwortung den Schwellen- und Entwicklungsländern gegenüber und der Umwelt und den Tieren zuliebe. Statt die ganze Woche Diesel in sich reinpumpen, lieber die Woche über umweltverträgliche Alternativen und am Wochenende dann mit Super-V Gas geben. Oder am Montag. Oder am Dienstag. Das sei natürlich jedem selbst überlassen.

Sowieso: Wer sich jetzt angegriffen fühlt, hat mich falsch verstanden. Dieses Plädoyer ist eine Denkanregung. Spielt den Gedanken nur einmal durch! Ich möchte und kann niemandem vorschreiben, was er isst. Auch möchte ich niemandem sein Grundrecht auf Fleisch, wie es in Deutschland mehr oder weniger formuliert ist, absprechen. Jeder, der einmal richtig gut essen war, kennt das Glücksgefühl danach. Warum nicht einmal zuhause ausprobieren?

„Seien Sie ein Zäpfchen!“

Seien Sie ein Zäpfchen! Mit diesem augenzwinkernden Aufruf verfolgte der Kabarettist eine ernsthafte Angelegenheit. Mit dem Gedanken im Kopf, dass alles irgendwann einmal ein erstes Mal gemacht wurde, fordert er sein Publikum auf, die Menschen zu Überraschen. Neues Denken und Wagen. So wie, nun ja, ein Zäpfchen eben. Schließlich ist auch da irgendwann jemand aus abenteuerlustiger Neugier auf die Idee gekommen, dass Tabletten nicht außschließlich über den Mund verarbreicht werden müssen.

Es ist ja die Last unserer Generation: Alles scheint bereits erfunden, alles bereits ausprobiert, jeder Krieg gefochten, jedes Lebensmodell durchgespielt. Wo gibt es überhaupt noch unbefleckte Gebiete? Ich möchte hier bewusst nicht über Innovationen in Unternehmen schreiben, die auch in immer kürzeren Zyklen ausgerufen werden (abgesehen davon, dass vieles „Innovative“ entweder gar nicht so neu oder einfach überflüssig ist). Sicherlich ist es spannend, Eigenschaften von Produkten aus einem Bereich in einen anderen zu transferieren oder von der Natur zu lernen und die atemberaubendsten Apperaturen zu erstellen. Doch das betrifft die wenigsten.

Nicht nur in Unternehmen herrscht ein Zwang zur Kreativität. Wie DIE ZEIT kürzlich feststellte, muss jeder kreativ sein – und zwar jederzeit und überall. Der Mitarbeiter muss nicht unbedingt genial, wenigsten aber doch kreativ sein. Dass dies nicht immer funktioniert, sagt einem der gesunde Menschenverstand. Vielleicht muss nicht immer alles individuell und neu sein. Wo jeder einzigartig ist, wird Kreativität zum Höhepunkt der Angepasstheit und die Langweiler und Normalos gelten schon beinahe als Revoluzzer.

Überasschen Sie andere! Dafür kann ich nur einstehen. Kreativität als wertvolle Resource. Vollkommen d’accord. Aber jeder und immer und unentwegt? Das kann es nicht sein. Der Zirkus der Einzigartigkeit führt zu nichts. Freiräume müssen geschaffen werden, wo Möglichkeiten zu echter Kreativität entstehen. Ein jeder hat das Recht das Leben nach seiner Gusto zu führen, solange er andere dadurch nicht schädigt. Aber das Dogma der notwendigen Kreativität – eine Eigenschaft, die früher eher Künstlern und damit überflüssigen Extravaganzen und ein Luxus der modernen Welt gesehen wurde – bringt nichts. Ich habe nichts gegen Andersartigkeit, genauso wie ich Angepasstheit toleriere. Soziale Zwänge führen bestimmt nicht zu Neuem und Revolutionärem. Freiräume, die die Verwirklichung eigener Ideen zulassen, sind jedoch unerlässlich. Auch und gerade in Schulen.