Was macht die Treppe neben der Rolltreppe?

Gedankenlos oder vielmehr voller belangloser Gedanken schlenderte ich wie immer die Treppen hinauf, raus aus dem Schlund des U-Bahn Netzes, genau wie tausende andere Menschen es täglich tun. Doch plötzlich blieb ich steh’n. Irgendetwas stimmte nicht. Erst jetzt fiel mir auf, dass jede Rolltreppe von einer blanken Treppe begleitet wurde. Oder ist es andersherum? Eines ist sicher, die Treppen waren menschenleer.

Gemäß ihrer täglichen Routine standen oder bewegten sich auf der linken Spur mehr oder weniger ungelenk die Menschen gen Ausgang – unter sich das rollende Gefährt. Unbeirrt transportiert es die Masse zu ihrem Elend. Fleißige Putzfrauen sorgen derweil dafür, dass das Glas an der Seite auch schön poliert ist, damit man eine gute Aussicht auf die Hosenpaare der Passanten hat.

Niemand benutzt die Treppen. Das Original, wenn man so will. Und doch gibt es sie überall. Es spielt keine Rolle, ob es sich um einen alten Bahnhof handelt, wo Rolltreppen wahlweise nur aufwärts oder aber an beiden Seiten der Treppen nachträglich eingebaut wurden, oder ob es sich um eine komplette Neuanlage handelt, wo Hinabsteigende und Hinaufkehrende räumlich voneinander getrennt sind und jeder sein eigenes Rolltreppen-Treppen-Paar hat.

Doch wofür sind sie da? Wenn die Rolltreppe ausfällt? Zwar kennt jeder das komische Gefühl auf einer stehenden Rolltreppe zu gehen, funktionieren tut das aber. Für breitere Gegenstände? Wofür dann der Aufzug? Werden sie tatsächlich nur dafür gebaut, damit einige wenige Menschen sich den Widrigkeiten des Alltags stellen können? Damit sie physisch die Anstrengungen ihrer Reise erfahren? Oder belehrend den anderen zeigen, wie umweltbewusst und gesund man sich doch mit den eigenen Beinen fortbewegen kann? Die ernten dann ohnehin nur verachtende Blicke der etwas höher stehenden, rollenden Gemeinde.

Aus praktischen Gründen kann es nicht sein. Ich habe es selbst unzählige Male ausprobiert. Schneller ist man nicht, wenn man läuft. Deshalb gibt es auch Ausnahmen in großen Städten an belebten Stationen. Dort findet man ausschließlich Rolltreppen. Der Vergangenheit anhängende Hinderer kann man dort schließlich nicht gebrauchen.

Meine Schlussfolgerung: es ist eine kulturelle Ästhetik. Zeige den Menschen, wie fortschrittlich sie sind, wie schnell sie sich bewegen. Das wird tief in die Köpfe gepflanzt. Mit diesem Selbstvertrauen und -verständnis sollen sie bessere Arbeit leisten. Leider geht das nach hinten los. Wenn man oben wieder auf den harten Asphalt geworfen wird und aus seiner Dämmerung erwacht, wartet man nur auf den nächsten Transport. Der kommt bekanntlich nicht. So landet man dann missmutig an seiner Destination.

Also Treppen abschaffen? Nein, ich wäre für einen Totalumbau auf Rutschen mit umgekehrter Funktionalität. Da wird der Spieltrieb angekurbelt und die Gesellschaft läuft. Wie das funktioniert, überlasse ich den Physikern und Bastlern. Das ist der Vorteil am schreiben. Hier muss ich nicht handeln.