Reise, Reise

„Das Leben ist wie ein Buch und wer nie reist, kommt nie über die erste Seite hinaus.“

Reisen erweitert den Horizont. Es hilft dem Alltag zu entfliehen, Neues zu entdecken. Zu staunen und zu forschen. Kulinarisch, kulturell, geografisch. Doch nach einer Weile stellt man fest: alle Städte bestehen aus Häusern, Monumenten und Parks, alle Wüsten aus Sand und Gestein, alle Meere aus salzigem Wasser, alle Gipfel recken sich gen Sonne. Alles ist anders und ähnlich zugleich. Weit weg und nichts Neues. Vielleicht haben sich die Sprache und das Aussehen der Menschen verändert. Der Aha-Effekt fällt aber von Mal zu Mal kleiner aus.

Dennoch propagiert die Reklame wieder und wieder das Fernweh. Schlussendlich landet man aber immer am gleichen Ort. Exotisch muss es sein. Je ferner, desto besser. Es sind nicht die Straßenlaternen, die die Welt erleuchten, sondern das Licht der Blitze. Eine Armee aus Kompakt-, Bridge- und Spiegelreflexkameras hat es sich zur Aufgabe gemacht die Oberfläche der Erde abzulichten. Leider bleibt sie dabei auch sehr oberflächlich. Die großen und kleinen Wunder der Welt sind alle tausendfach fotografiert. Wer eine Fotovorführung eines Bekannten bekommt, sieht nur bekanntes. Da helfen auch Kreativität und Photoshop wenig.

Wer nach dem Motto lebt, die Reise ist nur so gut und so real wie die Fotos es sind, verpasst das Wesentliche. Das Beste an einer Reise sind nicht die Orte, die man besucht, nicht die Zahl der Kirchen und Museen, die man besichtigt hat. Das wirklich Wichtige sind die Erlebnisse mit anderen Menschen. Gespräche, Begegnungen, Niederschläge und Überraschungen. Es sind diese Anekdoten, die man mit Freunden teilt und es sind diese Anekdoten, die fremde Menschen zu Freunden machen. Und dafür lohnt sich nach wie vor eine Reise. Egal wie fern.

Das Phantom-Klingeln

Menschen, denen ein Körperteil amputiert wurde, berichten teilweise davon, Schmerzen oder zumindest ein Gefühl in eben jenem Körperteil zu empfinden. Das nennt sich dann Phantomschmerz. Mein Phantomschmerz ist mein Handy.

Diese kleine unscheinbare Geräusch „Pling“ ertönt ganz sanft und leise bei jeder einkommenden Nachricht und E-Mail. Mein Gehirn ist schon so darauf fokussiert, dieses Geräusch zu identifizieren, dass ich dazu neige, es selbst zu hören, wenn gar keine neue Nachricht gekommen ist. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Handy normal eingeschaltet ist, auf Stumm gestellt oder tausende Kilometer entfernt in der deutschen Heimat liegt, während ich durch latein-amerikanische Gebirge stapfe.

Das Lustige: drei Wochen ohne Handy gehen durchaus, drei Wochen ohne das Klingeln im Ohr jedoch nicht.

Ob das wohl zu einer anerkannten Krankheit oder wenigstens Empfindung im vernetzten Zeitalter wird? (Den Namen lasse ich schon einmal patentieren.)

Beobachtungen, die die Lage der Wirtschaft in Spanien erklären (können)

Einen Monat ist es nun schon her, dass ich nach Spanien gezogen bin. In der Zeit konnte ich einige Beobachtungen machen, die mir doch erwähnenswert erscheinen. Beobachtungen vom alltäglichen Leben und von dem, was auf der Straße passiert. Und einige scheinen mir eine plausible Erklärung dafür zu sein, warum die spanische Wirtschaft eventuell nicht ganz so gut läuft wie die Deutsche. Vielleicht ist das vermessen, entscheidet selbst.

  • zwischen Bestellung und Erhalt eines Döners vergeht eine halbe Stunde
  • die Gehgeschwindigkeit ist halb so schnell wie in Deutschland (was zu Kollisionen führen kann)
  • auf dem Spielplatz spielt die gesamte Familie und alle Nachbarn
  • es wird den ganzen Tag über Bier getrunken, das sogar zu Spottpreisen in der Uni-Mensa ausgeschenkt wird
  • um vier Uhr Nachmittags sind die Straßen und Cafés voll
  • die Geschäfte haben die gleichen Öffnungs- und Schließzeiten wie in Deutschland, mit der Ausnahme, dass sie zwischendurch drei Stunden Mittagspause machen
  • niemand spricht Englisch
  • in den Geschäften und Restaurants kann niemand mehrere Sachen gleichzeitig erledigen, die Bestellungen und Aufträge werden sauber einer nach dem anderen bearbeitet
  • um ein Salami-Brötchen mit ein paar Chips in der Mensa zu bekommen muss man 20 Minuten kalkulieren
  • wenn es heißt, ab ein Uhr gibt es Essen, sollte man auf gar keinen Fall eine Minute zu früh kommen, eher zehn zu spät
  • jede Nacht wird die komplette Stadt mit Wasser und Seife gereinigt
  • die U-Bahnen und Haltestellen sind sauberer als deutsche OP-Säle

Über den Gegenpol, die Lebensqualität, berichte ich in den nächsten Wochen.

Lost in Translation

Nüchterner Raum, weiße Tische, die immer gleichen türksiblauen Plastikstühle, großes Fenster am Ende des Raumes, vorne eine grüne Tafel mit weißer Kreide, der Projektor bestrahlt die heruntergelassene Leinwand, der blaue Windowshintergrund des Rechners hinterlässt ein schwaches Licht auf der hölzernen Wand. Der Raum ist Teil einer containerartigen Verschachtelung. Intelligente Bauweise nennt sich so etwas und hält die Wärme im Winter drinnen und im Sommer draußen und passt so gut in die Landschaft wie eine Palme auf dem Moseler Weinfest.

09.30 Uhr, Beginn des Sprachkurses. Anwesende: eine Spanierin, ein Franzose, eine Färingerin, eine Australierin, drei Amerikaner, drei Deutsche. Das Chaos beginnt. Das Problem: jede Nation hat ihre Last zu tragen.

Die Amerikaner lachen über die Aussprache der Australierin, können selbst jedoch nicht einmal das R korrekt aussprechen, was den Erwerb von „Churros“ erheblich erschwert. Der Franzose erkennt nicht, dass im Spanischen zu einem Großteil die gleichen Wörter verwendet werden und entscheidet einfach Französisch zu sprechen. Man wird ihn schon verstehen. Ansonsten hat er noch immer seinen einzigen französischen Freund, wie er zu sagen pflegt: sein Wörterbuch. Die Färingerin saugt eifrig die Sprache auf, lässt es jedoch gemütlich zugehen. Naja, und über die Deutschen lacht die Welt im Ausland. Die spanische Lehrerin nimmt’s gelassen und plappert fröhlich weiter.

Draußen schnattern die Enten. Ob sie wohl im Ausland verstanden werden?