Einsamkeit der Mailbox

Neulich schaltete ich wie jeden morgen mein hochleistungsfähiges Kommunikationsgerät (auch Handy genannt) ein. Scheinbar hatte es genauso wenig geschlafen wie ich, denn so richtig wach werden, wollte es nicht. Nun gut, ich legte es beiseite und schlürfte genüsslich an meinen ungezuckerten Cornflakes. Rrrrrrrring, Rrrrrrrrring brummte es beunruhigend von meinem Schreibtisch her. Ich schlurfte hin, gab mühselig den 8-stelligen Code ein und las die Nachricht: „Sie haben 4 neue Nachrichten auf Ihrer Mobilbox.“ Hmmm, dann werde ich mal schauen, was die Außenwelt so von mir will. Die Nummer ist schnell gewählt, der blecherne Ton des automatischen Bandes erzählt mir das, was ich ohnehin schon weiß. Dann geht es ans Eingemachte. Nachricht für Nachricht wird mir schummriger. Am Ende weiß ich nicht, ob ich schmunzeln oder traurig sein soll. Stattdessen mache ich mir Gedanken. Schon eine seltsame Szene, diese Monologe mit den digitalen Briefkästen. Wie ein verqueres Theaterstück. Sehr interessant der unterschiedliche Umgang mit dem Nicht-erreichen. Ein paar Eindrücke, ganz unpersönlich:

Der Erste, sichtlich (oder besser hörlich?) genervt, niemanden zu erreichen. Die Infos werden knapp aufgezählt. Um schnellen Rückruf gebeten.

Die Zweite sehr unsicher im Umgang. Versucht einen höflichen Einstieg mit Begrüßung. Vielleicht auch eher ein fragendes „Hallo?“. So als höre ich mit und warte erstmal ab. Mit viel Stottern und gedehnten Pausen wird mir mitgeteilt, dass sie versucht habe mich zu erreichen, ich aber nicht dran gegangen sei. Nee, echt?! Naja, sie versuche es später noch einmal.

Der Dritte verweist direkt auf den vorangegangen Kontakt. Macht klar, worum es ihm geht. Präzise in den Aussagen. Leicht verständlich. Das erübrigt ein Telefonat. Kurze Mitteilung gesendet: „Gut! Machen wir so.“

Die Vierte begreift sofort, dass sie es mit dem Anrufbeantworter zu tun hat. Vergisst das dann aber im Lauf der Erzählung. Sagt zunächst ganz sachlich, weswegen sie angerufen hat. Erzählt dann zusammenhanglos, was ihr gerade durch den Kopf geht. Ruft dann plötzlich meinen Namen: „Marc?!“ Es echot beim Zuhören. Ist sie noch in der Mailbox gefangen und ruft nach mir, um mit mir zu reden? Dann versucht sie ein Gespräch aufzubauen – mit sich, der Mailbox oder wem auch immer. Sie redet, fragt nach, sucht nach Bestätigung. Die Box fühlt sich an wie ein leerer Raum. Die Worte kommen wie Peitschenhiebe zurück. Sie nickt sich selbst zu. Ja, das muss wohl stimmen. Das geht noch ein wenig so weiter. Dann macht es plötzlich klack und die Leitung ist tot. Tot wie ein leerer Raum, der sich ganz schnell zusammenzieht.

„Keine weiteren Nachrichten. Alte Nachrichten mit 1.

Die ständige Erreichbarkeit ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Das Unerreichbare ist der wahre Luxus. Das verwirrt die Menschen an dieser anachronistischen Erfindung des Anrufbeantworters. Sie sind verunsichert, reagieren wirr, in jedem Falle unterschiedlich. In den meisten Fällen könnten sie es sich sparen. Viele Leute hören ihre Klimperkästen nicht ab. Dass derjenige angerufen hat, sehe ich auch so. Und viele Nachrichten laufen ohnehin nicht mehr über das Telefon. So hat es sich zu einem Sport entwickelt, gerade rechtzeitig aufzulegen, um ja nicht in den Bann der Textansagen gezogen zu werden und nervige Dudeleien über sich ergehen lassen zu müssen. Zudem spart das Minutenkontingente. Wer denn einmal dort gelandet ist, will sein Geld auch nutzen und spricht, meist widerwillig, drauf. Aber das Erlebnis mit der dunklen Box kann das Innerste offenbaren, eine Art Stresssituation. So wie der Elch im Wald, der das hässliche Geräusch nicht mehr ertragen kann, bis er merkt, dass es sein eigens Echo, der Bumerang seines Röhrens ist. Und einen Spiegel vorgehalten bekommen, das mögen die meisten nicht …

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