Das Innovationsklo

Das Scheißhaus, Ort der Ruhe und Besinnung … und der freien Gedanken.
Neulich brachte mich ein Kollege an diesem sterilen Ort auf die Idee. Umgeben von weißen Kacheln wohin das Auge auch blickt. Die Ruhe wird nur von einem leisen Strahl durchbrochen, gefolgt von einem nahezu unmerklichen Seufzer der Erleichterung. Eine wahre Wellness-Oase im weiteren Sinne. Sorgt sie doch für unmittelbare Entspannung und Genugtuung.

Jäh wird dieses Bild zerstört durch den beißenden Geruch abgestandenen Urins, abgerissenen Klodeckeln und mit Scheiße voll bekritzelten Wänden – im wahrsten Sinne des Wortes. So sieht der WC-Alltag an Deutschlands Schulen und Raststätten leider allzu häufig aus.

Doch erinnern Sie sich an die kreativen Sprüche an den Wänden? Wieso diese Energie nicht nutzen, den kreativen Raum in Bahnen lenken? Mal ganz platt gesagt: Jeden Tag verbringen wir Minuten sitzend und schweigend in einer zwei quadratmetergroßen Zelle ganz allein mit unseren Gedanken. Wieso diese Zeit nicht sinnvoll einsetzen? Oder warum glauben Sie, nehmen Männer grundsätzlich Zeitung, Handy oder Tablet mit auf’s Klo?

Unternehmen wie Google geben jedem Mitarbeiter einen kompletten Tag in der Woche frei, um an einem eigenen Projekt zu arbeiten. Ein österreichischer Energieriese schickt ausgewählte Mitarbeiter in Lofts, Museen und Ateliers zum kreativen Arbeiten. Und ein Freiburger Mittelständler lässt seine Angestellten tanzen und meditieren. Das alles, um Innovation zu erzeugen!
Wie einfach wäre es da, jede Toilettenkabine mit einem speziellen Lack zu beschichten und abwaschbare Stifte dazuzugeben. Jeder soll einfach „posten“, was ihm gerade in den Sinn kommt. So kann sogar eine Art Dialog entstehen. Ein Steinzeit facebook oder Höhlenmalerei. Und neben der ganzen Scheiße, die da entsteht, wird auch Nützliches dabei herauskommen. Schließlich scheitern bei Google auch ein Großteil der Projekte in der Entwicklungsphase. Ganz nebenbei erhöht diese Maßnahme die Produktivitätsauslastung der Mitarbeiter, indem sie keine Zeit ungenutzt verstreichen lassen. Effizienzsteigerung! Das freut jeden Finanzer.

Endlich könnte das Potenzial der Wellnesstempel genutzt werden. Die in zartes Rot getauchten Toiletten, Pissoirs in Tropfenform, Waschbecken aus mächtigem Baumstamm, sich selbst verdunkelnde Scheiben, hoch geschwungene Wasserhähne und die samtesten Trockentücher in Mini-Format. Dazu eine besinnliche Musik und eine Seife, die besser riecht als mein Parfum. Wenn das kein Ort zum freien Denken ist! Ein winziger Stift in jeder Kabine macht den Unterschied. Zwischen Luxus und kreativem Potenzial.
Denken Sie mal drüber nach. Vielleicht bei Ihrer nächsten Sitzung.

PS: Wer an der Umsetzung interessiert ist, ich stehe als kompetenter Berater zur Seite. Ansonsten werden Lizenzgebühren fällig.

Einsamkeit der Mailbox

Neulich schaltete ich wie jeden morgen mein hochleistungsfähiges Kommunikationsgerät (auch Handy genannt) ein. Scheinbar hatte es genauso wenig geschlafen wie ich, denn so richtig wach werden, wollte es nicht. Nun gut, ich legte es beiseite und schlürfte genüsslich an meinen ungezuckerten Cornflakes. Rrrrrrrring, Rrrrrrrrring brummte es beunruhigend von meinem Schreibtisch her. Ich schlurfte hin, gab mühselig den 8-stelligen Code ein und las die Nachricht: „Sie haben 4 neue Nachrichten auf Ihrer Mobilbox.“ Hmmm, dann werde ich mal schauen, was die Außenwelt so von mir will. Die Nummer ist schnell gewählt, der blecherne Ton des automatischen Bandes erzählt mir das, was ich ohnehin schon weiß. Dann geht es ans Eingemachte. Nachricht für Nachricht wird mir schummriger. Am Ende weiß ich nicht, ob ich schmunzeln oder traurig sein soll. Stattdessen mache ich mir Gedanken. Schon eine seltsame Szene, diese Monologe mit den digitalen Briefkästen. Wie ein verqueres Theaterstück. Sehr interessant der unterschiedliche Umgang mit dem Nicht-erreichen. Ein paar Eindrücke, ganz unpersönlich:

Der Erste, sichtlich (oder besser hörlich?) genervt, niemanden zu erreichen. Die Infos werden knapp aufgezählt. Um schnellen Rückruf gebeten.

Die Zweite sehr unsicher im Umgang. Versucht einen höflichen Einstieg mit Begrüßung. Vielleicht auch eher ein fragendes „Hallo?“. So als höre ich mit und warte erstmal ab. Mit viel Stottern und gedehnten Pausen wird mir mitgeteilt, dass sie versucht habe mich zu erreichen, ich aber nicht dran gegangen sei. Nee, echt?! Naja, sie versuche es später noch einmal.

Der Dritte verweist direkt auf den vorangegangen Kontakt. Macht klar, worum es ihm geht. Präzise in den Aussagen. Leicht verständlich. Das erübrigt ein Telefonat. Kurze Mitteilung gesendet: „Gut! Machen wir so.“

Die Vierte begreift sofort, dass sie es mit dem Anrufbeantworter zu tun hat. Vergisst das dann aber im Lauf der Erzählung. Sagt zunächst ganz sachlich, weswegen sie angerufen hat. Erzählt dann zusammenhanglos, was ihr gerade durch den Kopf geht. Ruft dann plötzlich meinen Namen: „Marc?!“ Es echot beim Zuhören. Ist sie noch in der Mailbox gefangen und ruft nach mir, um mit mir zu reden? Dann versucht sie ein Gespräch aufzubauen – mit sich, der Mailbox oder wem auch immer. Sie redet, fragt nach, sucht nach Bestätigung. Die Box fühlt sich an wie ein leerer Raum. Die Worte kommen wie Peitschenhiebe zurück. Sie nickt sich selbst zu. Ja, das muss wohl stimmen. Das geht noch ein wenig so weiter. Dann macht es plötzlich klack und die Leitung ist tot. Tot wie ein leerer Raum, der sich ganz schnell zusammenzieht.

„Keine weiteren Nachrichten. Alte Nachrichten mit 1.

Die ständige Erreichbarkeit ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Das Unerreichbare ist der wahre Luxus. Das verwirrt die Menschen an dieser anachronistischen Erfindung des Anrufbeantworters. Sie sind verunsichert, reagieren wirr, in jedem Falle unterschiedlich. In den meisten Fällen könnten sie es sich sparen. Viele Leute hören ihre Klimperkästen nicht ab. Dass derjenige angerufen hat, sehe ich auch so. Und viele Nachrichten laufen ohnehin nicht mehr über das Telefon. So hat es sich zu einem Sport entwickelt, gerade rechtzeitig aufzulegen, um ja nicht in den Bann der Textansagen gezogen zu werden und nervige Dudeleien über sich ergehen lassen zu müssen. Zudem spart das Minutenkontingente. Wer denn einmal dort gelandet ist, will sein Geld auch nutzen und spricht, meist widerwillig, drauf. Aber das Erlebnis mit der dunklen Box kann das Innerste offenbaren, eine Art Stresssituation. So wie der Elch im Wald, der das hässliche Geräusch nicht mehr ertragen kann, bis er merkt, dass es sein eigens Echo, der Bumerang seines Röhrens ist. Und einen Spiegel vorgehalten bekommen, das mögen die meisten nicht …